Das Spiel, das keiner spielen will

11. Juli 2014, 17:27
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Brasilien und die Niederlande haben die Chance, die WM mit einem Sieg zu beenden. Kein besonders reizvolles Ziel - denn es winkt bloß Platz drei

Brasília - Bronze macht glücklicher als Silber. Zu diesem Studienergebnis kam die Northwestern University in Illinois vor vier Jahren. Die Fußballnationalspieler Brasiliens und der Niederlande haben am Samstag (22 MESZ) in Brasília die Chance auf Platz drei bei der WM. Glücklich über diese Gelegenheit sind beide Teams freilich nicht.

"Das Spiel um Platz drei sollte nicht ausgetragen werden. Das sage ich seit zehn Jahren. Es kann nur ein Finale geben, und in dem muss es darum gehen, Champion zu werden", sagte Bondscoach Louis van Gaal. Jedoch:  "Es ist noch nie eine niederländische Mannschaft von der WM nach Hause gekommen, ohne ein Spiel zu verlieren, das wollen wir erreichen", fügte van Gaal noch an. Etwas diplomatischer drückte sich Luiz Felipe Scolari, Trainer der Seleção, aus: "Unser erstes Ziel war es, ins Finale zu kommen. Das haben wir nicht geschafft. Jetzt spielen wir nur noch um einen viel kleineren Traum."

Und überhaupt

Es ist jedenfalls ein Duell der Enttäuschten. Während die Gastgeber im Halbfinale von Deutschland schwer gedemütigt (1:7) wurden, scheiterten die Niederländer tags darauf erst im Elfmeterschießen (2:4) an Argentinien. Ähnlich große Vorfreude wie van Gaal verspürt Arjen Robben: "Der dritte Platz kann mir gestohlen bleiben." Van Gaal kritisierte zudem den Weltverband FIFA wegen des Spielplans: "Wir haben einen Tag weniger Zeit zur Vorbereitung als unser Gegner, das ist kein Fair Play."

Für den 62-Jährigen ist es vor seinem Wechsel zu Manchester United die Abschiedsvorstellung als Teamchef der Niederländer. Das Amt hatte er nach der EM 2012 übernommen. Immerhin gibt es für van Gaal ein noch schlimmeres Szenario, als das kleine Finale bestreiten zu müssen: es zu verlieren. "Das Schlimmste ist, dass man eventuell zweimal in Folge verliert. Und dass man ein Turnier, das so toll war, vielleicht als Loser beendet." Vor vier Jahren beendeten die Niederländer das Turnier auch mit einer Niederlage - im Endspiel gegen Spanien (0:1 nach Verlängerung). Das kleine Finale bestreiten sie zum zweiten Mal nach 1998 in Frankreich (1:2 gegen Kroatien).

Seleção will sich aufrappeln

Brasilien darf schon zum vierten Mal um die Goldene Ananas kicken, zweimal wurde sie gewonnen. Der Rekordweltmeister will sich würdig von seinen Fans verabschieden. "Das ist zwar auf keinen Fall das Spiel, das wir spielen wollten. Aber wir müssen jetzt Kraft dafür finden", sagte Stürmer Hulk, der sich noch nicht in die Torschützenliste eintragen konnte. Kapitän Thiago Silva, nach seiner Gelbsperre wieder einsatzberechtigt, sagt zwar, man müsse mit "Stolz das gelbe Trikot vertreten". Aber: "Es ist schwierig, sich emotional auf dieses Spiel einzustimmen. Ich habe immer betont, dass wir nur ein einziges Ziel haben, den Titel. Zweiter, Dritter, Vierter, das ist uns egal." Außenverteidiger Marcelo fügt hinzu: "Für Brasilien hat der dritte Platz praktisch keinen Wert."

Zur besseren Stimmung im Estádio Nacional soll der Besuch des verletzten Superstars Neymar beitragen. In welcher Aufstellung die Seleção antritt, ließ Scolari offen. Auch für ihn dürfte es eine Abschiedsvorstellung werden. Der Vertrag des 65-Jährigen läuft aus. An eine Verlängerung glaubt kaum jemand. Nicht nur im künftigen Verbandsvizepräsidenten Delfim Peixoto hat Felipão keinen Freund. "Alles war schlecht. Er ist eine Last, eine Schande", sagte er dem TV-Sender ESPN Brasil.

Mehr als 90 Minuten unwahrscheinlich

Geht es nach der Statistik, dürfen sich die Zuschauer am Samstag zumindest auf Treffer aus dem Spiel freuen. Keines der bisher 18 absolvierten kleinen Finale blieb nach 90 Minuten torlos. Erst einmal, 1986 in Mexiko, musste eine Verlängerung über Platz drei entscheiden. Frankreich besiegte Belgien mit 4:2. Ein Elfmeterschießen gab es noch nie. Van Gaal hätte wohl kein Problem, würde das so bleiben. (sid, rie, DER STANDARD, 12.7.2014)

Spiel um Platz 3 der Fußball-WM in Brasilien am Samstag in Brasilia:

Brasilien - Niederlande (Samstag, 22.00 Uhr MESZ, Brasilia, Estadio Nacional Mane Garrincha, SR Djamel Haimoudi/ALG)

Mögliche Aufstellungen:

Brasilien: 12 Julio Cesar - 2 Dani Alves, 3 Thiago Silva, 4 David Luiz, 6 Marcelo - 16 Ramires, 17 Luiz Gustavo - 19 Willian, 11 Oscar, 7 Hulk - 21 Jo

Ersatz: 1 Jefferson, 22 Victor - 13 Dante, 14 Maxwell, 15 Henrique, 23 Maicon, 5 Fernandinho, 8 Paulinho, 18 Hernanes, 20 Bernard, 9 Fred

Es fehlt: 10 Neymar (Lendenwirbelbruch)

Teamchef: Luiz Felipe Scolari

Niederlande: 23 Krul - 7 Janmaat, 3 De Vrij, 2 Vlaar, 4 Martins Indi - 20 Wijnaldum, 5 Blind, 18 Fer - 17 Lens, 19 Huntelaar, 21 Depay

Ersatz: 1 Cillessen, 22 Vorm - 12 Verhaegh, 13 Veltman, 14 Kongolo, 6 De Jong, 8 De Guzman, 10 Sneijder, 16 Clasie, 9 Van Persie, 11 Robben, 15 Kuyt

Teamchef: Louis van Gaal

  • "Ein guter Abgang ziert die Übung", sagte einst Friedrich Schiller. Ob  sich Robben, Sneijder und Wijnaldum (von links) dieser Worte besinnen,  ist offen.
    foto: ap/augstein

    "Ein guter Abgang ziert die Übung", sagte einst Friedrich Schiller. Ob sich Robben, Sneijder und Wijnaldum (von links) dieser Worte besinnen, ist offen.

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