Das Demokratie-Brot des Herrn Ihsanoglu für die Türken

11. Juli 2014, 21:18
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Der türkische Präsidentschaftskandidat stellt Programm und sich selbst vor

Sein Symbol ist ein Weizenfeld mit dem Umriss der Türkei, sein Wahlslogan klingt nach den 1950er-Jahren, ebenso schlicht wie verstaubt: "Für das Brot - Ekmeleddin!" Es ist ein Spiel mit seinem umständlichen Vornamen. "Brot" heißt auf Türkisch "ekmek".

Nein, man habe ihn in seiner Jugend schon so genannt, versucht Ekmeleddin Ihsanoglu am Tag nach seiner ersten Pressekonferenz zu erklären; für den Slogan erntet er einigen Spott. Denn "Ekmek" ist ein gediegener älterer Herr von 70 Jahren. Und er will die Machtpläne von Premierminister Tayyip Erdogan vereiteln und der nächste türkische Präsident werden.

In den Saal im Çiragan-Palast am Bosporus, zur Pressekonferenz und Erklärung seines Wahlprogramms, kommt er mit seiner Frau Füsun und den längst erwachsenen Kindern. Es ist das türkische Bürgertum von den Schwarz-Weiß-Fotos und von Orhan Parmuk, dem Literatur-Nobelpreisträger. Die liberale Intelligenz sitzt in den ersten Reihen, Oral Çalislar, Murat Yetkin, Fikret Bila - die Kommentatoren jener türkischen Zeitungen, die eine Erdogan wählende Mehrheit im Land gar nicht liest. "Er ist höflich", sagt eine Uni-Professorin über Ekmeleddin Ihsanoglu, "er ist gebildet, hat ein bisschen Humor, ist ein bisschen elegant. Alles Dinge, die wir für selbstverständlich hingenommen haben. Vorher." "Vorher" war vor 2002, als die damals neue konservativ-religiöse Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) die Regierung übernahm und bald darauf Recep Tayyip Erdogan, der islamistische Volkspolitiker, Premierminister wurde.

Whiskytrinker vom Bosporus

Einen "Whisky trinkenden Monser vom Bosporus" nannte Erdogan dieser Tage verächtlich seinen Herausforderer, doch ohne ihn beim Namen zu nennen. "Monser" ist das eingetürkte französische "mon cher" (mein Lieber) - etwas, das dem AKP-Wähler in Anatolien nach falschem Geld und Unmoral klingt.

Denn Ihsanoglu ist kein ganz einfacher Gegner für Erdogan, der elf Jahre als Premier nun mit einem oder zwei Mandaten als Präsident fortschreiben will. Auch Ihsanoglu ist ein konservativer Muslim; sogar einer, der von der AKP-Regierung ins Amt des Generalsekretärs der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) bugsiert wurde.

Jetzt zieht der Wissenschafter und Nichtpolitiker für die beiden größten Oppositionsparteien ins Rennen. "Ich bin der Kandidat aller Türken", sagt er vom Podium im Çiragan-Palast, die Nase meist in seinen Redetext vergraben - das Gegenstück zu Erdogan, der brüllt und mit einem Mikrofon in der Hand die Bühne auf- und abtigert. Ihsanoglu muss gegen die Wahlkampfmaschine des Premiers antreten, gegen dessen Medien und die Behörden. Er tut es mit dem Versprechen von mehr Respekt vor den Bürgern und demokratischer Teilhabe - das "Brot" des Ekmeleddin Ihsanoglu. Das parlamentarische System werde er nicht antasten, sagt Ihsanoglu; auf mehr Investition in Bildung will er drängen. "Und ich werde nicht erlauben, dass die jungen Leute in diesem Land 'Plünderer' genannt werden." So hatte Erdogan die Gezi-Demonstranten bezeichnet.(Markus Bernath aus Istanbul, DER STANDARD, 12.7.2014)

  • Der Diplomat und Wissenschafter Ihsanoglu tritt als Oppositionskandidat für  das Präsidentenamt an. Gewählt wird am 10. August.
    foto: epa/sedat suna

    Der Diplomat und Wissenschafter Ihsanoglu tritt als Oppositionskandidat für das Präsidentenamt an. Gewählt wird am 10. August.

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