Kranke Welt

11. Juli 2014, 17:25
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Gesellschaft mit verdrängter Haltung

Wer in einer Gesellschaft der Schnellsten, Schönsten und Erfolgreichsten bestehen möchte, sollte über Superkräfte, mindestens aber über makellose Gesundheit verfügen. Druck macht bekanntlich sexy. Und Burnout ist auch nur eine sogenannte Modediagnose. Wenn sich die Depression zur Volksplage auswächst, ist auch das kein Pro blem, denn es ist Gott sei Dank ein Kraut gegen alles gewachsen.

Die Medizin verspricht zudem hohe Wiederverwertbarkeit unseres Daseins. Wir sind reparabel wie noch nie und zugleich ein wandelndes Ersatzteillager. Wer nicht gesund ist, tut gut daran, das zu verbergen. Ein Körper, der aus der Regelmäßigkeit fällt, ist des reibungslosen Ablaufs Feind. Leistung wird gegen Geld getauscht, und wir sind Leistungsgesellschaft und kein Rosengarten. Geleistet soll werden, bis nichts mehr geht, und dann der Nächste bitte: Der gesellschaftliche Druck macht vor dem Privatleben nicht halt.

Nicht nur im Arbeitsleben begibt man sich aufs glatte Eis, wenn man die eigene Unvollkommenheit sichtbar macht. Wer erfolgreich ist, hat maximal ein paar Problemchen zu haben. Viele hat dieses zwanghaft erwartete Oberflächenpolieren vorgetäuschter Wirklichkeiten in wirklich schwere Erkrankungen getrieben: Alkohol- und Drogensüchte. Psychische und psychosomatisch getriggerte Erkrankungen. Aus Angst vor dem Arbeitsplatzverlust übergangene Infekte, die mit Infarkten enden. Chronisch gewordene Leiden.

Ist dieser Fall eingetreten, schrumpfen die Möglichkeiten rasant. Wer krank wird, schadet dem Bruttosozialprodukt, schädigt die Krankenkassen, wird unberechenbar, gereizt, verängstigt, schwieriger und bestenfalls in den Social Media tragbar, wo man die Betroffenen nicht riecht, hört und spürt, sondern nur deren sauber destillierte Wortderivate, womöglich nur lustige Bildchen betrachten und nach Belieben wegklicken kann. Es soll jedoch auch öfters vorgekommen sein, dass die Real-Life-Nachbarn lustig vor sich hin moderten, bis der Geruch für die aufmerksamen übrigen Hausbewohner dann doch zu unangenehm wurde. Erst da fragten sich diese, wo denn der Nachbar die ganze Zeit über geblieben sein könnte.

Was soll auch diese Gesellschaft mit den Unzulänglichkeiten anfangen, die sogar den Tod, der noch gnadenloser verdrängt wird als die Krankheit, zur Folge haben könnten! Krankheit ist ein Vorbote der Vergänglichkeit und als solcher unwillkommen, man würde diesen Boten am liebsten töten, wenn das nur kein Oxymoron ergäbe! Gesellschaft, die ihre Kranken versteckt und ausgrenzt, ist keine, die viel ertragen und auf Dauer funktionieren kann. Allein dieser Aspekt sollte Behutsamkeit lehren. (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 12./13.7.2014)

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