Sommerzeit ist Glockenzeit

Kolumne11. Juli 2014, 17:00
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Wenn der Paparazzo zweimal klingelt

Sommer ist's. Wüssten wir das nicht ohnehin, gäbe es immer noch die Medien, um uns davon zu unterrichten. Zum Glück. Denn mit jedem Sommer taucht auch zuverlässig jenes ganz spezielle Füllmaterial auf, das wir Journalisten stets verwenden, um das jahreszeitentypische Loch zu stopfen.

Füllstoff eins ist der säuerliche Hinweis darauf, dass das Wetter nicht so ist, wie es sein sollte. Diesen Hinweis gibt es in der "Viel zu kalt" und in der "Viel zu heiß"-Variante, und weil das Wetter ja immer zu wünschen übrig lässt, lässt sich diese Art der "Berichterstattung" auch bis ins Unendliche prolongieren.

Der Nachteil: Man riskiert damit, den Konsumenten zu verdrießen. Leser, denen die Zunge vor lauter Hitze so weit heraushängt, dass sie sich problemlos die Kniekehlen sauberlecken könnten, wollen nicht auch noch aus der Zeitung erfahren, dass es "viel zu heiß" ist.

Füllmaterial Nummer zwei sind Infos über Urlaubsziele der Politiker. Wertvoller Stoff! Denn ist man im Bilde, wo der Finanzminister oder der FP-Chef von den politischen Mühen ausspannen - in Mallorca, Gramatneusiedl oder im Land, wo der Pfeffer wächst -, dann weiß man auch, welche Urlaubsdestinationen man tunlichst vermeiden sollte, so man nicht unabsichtlich am Strand mit Spindelegger oder Strache kollidieren will.

Das gamsigste Sommer-Füllmaterial ist und bleibt freilich die jahreszeitlich intensivierte Glockenberichterstattung. Da im Sommer gute Chancen bestehen, dass sich irgendwelche mehr oder weniger prominenten Promis öffentlich im Bikini oder gar oben ohne zeigen, lauert hinter jedem Busch am Mittelmeer ein Paparazzo, um mit bis zum Anschlag ausgefahrenen Rohr alles abzulichten, wonach es die Spechtler aller Länder gelüstet.

Hier die jüngsten Meldungen von der Glockenfront: Laut Österreich hat sich das Gerücht, dass Lilly Becker einen falschen Busen habe, nun definitiv bewahrheitet ("Ich habe ihn mir schon als Model vergrößern lassen"). News wiederum ist aufgefallen, dass Michelle Hunziker mit einer kleineren Körbchengröße "am toskanischen Strand" aufgetaucht ist ("Hat sie sich den Busen weggefastet?"). Einen solchen Scoop landet man nur, wenn man die Mühsal einer lückenlosen Langzeitglockenbeobachtung nicht scheut. Das nennt der Krisenkolumnist eine wahre journalistische Ausdauer! (Christoph Winder, Album, DER STANDARD, 12./13.7.2014)

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