"Sonst können wir gleich Elfer schießen gehen"

Interview11. Juli 2014, 14:01
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Kärntner Landesschulratschef Rudolf Altersberger erklärt, was die Reform der Schulverwaltung mit Fußball zu tun hat

Das Match Ländervertreter gegen Bundesvertreter an den Schulen muss ein Ende haben, findet der Präsident des Kärntner Landesschulrats, Rudolf Altersberger. Er ist vom Bund für die Expertenkommission zur Schulverwaltungsreform nominiert worden. "Derzeit verteidigt jeder seinen Bereich mit Zähnen und Klauen. Man sollte bereit dazu sein, über den Tellerrand zu schauen", sagt er im Gespräch mit derStandard.at.

derStandard.at: Was wäre die notwendigste Änderung bei der Schulverwaltung?

Altersberger: Man könnte die Pyramide umdrehen und nicht darüber diskutieren, was die Spitze braucht, sondern darüber, was der Basis – also den Schülern und den Schulen – hilft. Wir müssen ein Anforderungsprofil definieren und uns anschauen, welche Strukturen es derzeit gibt und welche Kompetenzen wo liegen. Es wird sicher die Frage sein, ob wir bestehende Strukturen zusammenführen. Es sollte nicht um die Frage gehen, wem es nützt, wenn diese oder jene Kompetenz in dieser oder jener Behörde angesiedelt ist. Es geht nicht um Bund oder Land, sondern um Schule und Bildung.

derStandard.at: Was wird den Schülern derzeit durch die Verwaltung verwehrt?

Altersberger: Jeder bemüht sich natürlich, in seinem Bereich das Beste zu machen. Derzeit gibt es sehr viele Reibungsverluste zwischen den einzelnen Institutionen, Zuständigkeitsbereichen und Schulerhaltern. Einmal ist die Gemeinde der Ansprechpartner, dann der Schulgemeindeverband auf Bezirksebene oder der Bezirkshauptmann, dann gibt es bei den Kindergärten noch die Erhalter, also wieder die Gemeinde oder etwa die Caritas oder die Kirche.

Wenn du ein neues Projekt durchbringen willst, brauchst du sehr viel Energie. Weniger für die Umsetzung, sondern für die Zustimmung in den verschiedenen Verwaltungszuständigkeiten. Deshalb wäre es gescheit, wenn die Kompetenzen in eine Hand zusammengeführt werden. Es ist dann vollkommen egal, ob auf dieser Hand Bund oder Land steht. Es gibt zu viele Zuständigkeiten für einen Bereich.

derStandard.at: Auch bei den Lehrern gibt es unterschiedliche Zuständigkeitsbereiche. Derzeit ist der Bund für die Lehrer an den mittleren und höheren Schulen zuständig, die Länder für die Pflichtschullehrer. Zwischen Ländern und dem Bund gibt es die Streitfrage, wer künftig für alle Lehrer verantwortlich sein soll. Was meinen Sie?

Altersberger: Jede Veränderung ist ein Fortschritt, egal in welche Richtung. Derzeit ist bei den Pflichtschullehrern das Land der Dienstgeber, der Bund hat die Schulaufsicht. Die Inspektoren sind Bundesangestellte, Personalhoheit haben die Inspektoren aber keine. Wenn sie pädagogische Konzepte entwickeln möchten wie etwa Förderstunden für eine Inklusionsklasse, dann muss der Landesschulinspektor zum Dienstgeber der Landeslehrer gehen und die Mitarbeiter dort überreden, damit diese pädagogische Notwendigkeit umgesetzt werden kann.

derStandard.at: Soll es nur mehr eine Behörde pro Bundesland geben?

Altersberger: Ich würde das ergebnisoffen lassen. Derzeit verteidigt jeder seinen Bereich mit Zähnen und Klauen. Man sollte bereit dazu sein, über den Tellerrand zu schauen und zu sehen, was die andere Behörde leisten kann. Es ist nicht gut, von vornherein zu sagen, dass es keine Veränderungen geben darf.

derStandard.at: Warum glauben Sie, dass in dieser Expertengruppe nicht wieder jeder Experte seine Behörde mit Zähnen und Klauen verteidigt?

Altersberger: Die Zugänge sind andere. Wir haben schon vorsichtige Vorkontakte gehabt. Wir reden nicht mehr von der Abschaffung von Behörden, sondern davon, bestehende Strukturen zusammenzuführen. Wir schauen, wo Kompetenzen aus der Sicht der Schule am besten aufgehoben sind. Sonst können wir gleich Elfer schießen gehen wie beim WM-Semifinale zwischen Argentinien und Holland. Dann schießt einmal der Ländervertreter und einmal der Bundesvertreter. Dieses Match ist in den vergangenen Jahrzehnten gespielt worden. In Kärnten hätte ich gerne nur eine Behörde. Ich glaube, dass viele so denken. Außerdem gibt es ökonomischen Druck, Steuergeld soll effizienter eingesetzt werden und weniger nach persönlichem Gutdünken.

derStandard.at: Wenn die Verhandlungen ergebnissoffen sein sollen, könnte es auch passieren, dass Sie Ihr Amt verlieren.

Altersberger: Richtig, aber es darf kein Ziel einer Strukturreform sein, den eigenen Sessel zu behalten. Dann brauche ich gar nicht in die Verhandlungen gehen. Dann könnte ich zu Hermann Helm (Landesschulratspräsident in Niederösterreich, ebenfalls Mitglied des Expertengremiums, Anm.) gehen und sagen: Bleib du in Niederösterreich, ich bleib in Kärnten. Glauben Sie, es juckt irgendeinen Schüler, ob es einen Präsidenten Altersberger gibt oder einen Landesbildungsdirektor? Überhaupt nicht. Man muss sich von den persönlichen Ambitionen verabschieden.

derStandard.at: Im Expertengremium soll auch über eine andere Art der Finanzierung des Bildungssektors gesprochen werden. Künftig könnte sich die Höhe der Budgets für einzelne Schulen an sozialen Kriterien orientieren. Was halten Sie von dieser Idee?

Altersberger: Es gibt Erfahrungen aus anderen Ländern, die mit dieser indexbasierten Mittelzuwendung arbeiten. Wir wissen, dass Brennpunktschulen mehr Ressourcen brauchen würden. Das ist ein neuer, innovativer Zugang. Man muss sich dann allerdings davon verabschieden, dass man eine Verwaltungsreform macht, damit etwas billiger wird. Eine Qualitätsverbesserung zum Nulltarif gibt es nicht. Wenn wir das schaffen würden, könnten wir den Nobelpreis für Ökonomie gewinnen.

derStandard.at: Ist es wahrscheinlich, dass diese indexbasierte Mittelzuwendung kommt, oder ist das eine Utopie?

Altersberger: Ich hoffe, dass die Personen, die in der Kommission sitzen, in Visionen denken. Nur wenn man Visionen hat, können sie zur Realität werden. Es muss kein Reformurknall entstehen, es kann auch schrittweise gehen. Österreich denkt oft in kleinen Schritten.

derStandard.at: Die Kommission soll auch die Postenbestellungen reformieren. Soll es hier weniger Parteieneinfluss geben?

Altersberger: Ich habe in Kärnten mein Amt angetreten und gesagt, dass für mich das Parteibuch nicht zählt. Wir brauchen bestens ausgebildete und hochmotivierte Mitarbeiter. Es wäre schön, wenn der beste Bewerber zum Zug kommt, egal welche Parteifarbe er hat. Beim Thema Postenbestellung muss zuerst die große Frage beantworten werden: Wollen wir mehr oder weniger Autonomie? Wenn wir mehr Autonomie wollen, dürfen wir die Behörden nicht mit Parteipolitik einengen.

derStandard.at: Wie läuft die Postenbestellung in Kärnten derzeit ab?

Altersberger: Bei den Pflichtschulen haben wir ein Objektivierungsverfahren, mit dem Direktoren ausgewählt werden. Zuvor erhalten wir im Landesschulrat von der Schulabteilung des Landes die Aufforderung, im Verordnungsblatt die Direktionsstellen auszuschreiben. Die Ergebnisse aus den Verfahren und aus den Bezirksschulratssitzungen werden von den Schulabteilungen des Landes zu mir geschickt. Ich unterschreibe, obwohl ich nichts damit zu tun habe. Dann geht das Dokument zurück zum Schulreferenten, der dann das Personal bestellt.

Im Bundesbereich bitten wir beim Bund um Genehmigung der Ausschreibung eines neuen Postens. Wenn wir die Genehmigung bekommen, müssen wir den Posten in der "Wiener Zeitung" ausschreiben. Die Bewerber durchlaufen ebenfalls ein objektiviertes Auswahlverfahren, über das Ergebnis wird im Landesschulrat abgestimmt. Wir schicken dann den Vorschlag nach Wien, dort wird er geprüft. Dann wird über die Bestellung entschieden. Sie sehen, auch wenn die Bezirksschulräte ab 8. August abgeschafft sind, hier könnte es schon Beschleunigung und mehr Autonomie vor Ort geben.

derStandard.at: Was halten Sie von der Idee, dass die Schulen selbst ihre Lehrer auswählen können?

Altersberger: Das kann eine Vision sein. Besetzung ist einfach, aber die Schulen müssen dann auch die Verantwortung für Personalentwicklung übernehmen. Wenn der Direktor eine Fehlentscheidung trifft, muss er auch Lehrer kündigen. Da geht es nicht nur um Sonnenschein-Angelegenheiten. Wenn die Direktoren auch diese Aufgaben übernehmen und die Qualität des Personals überprüfen, habe ich nichts dagegen. Sinnvoll wäre jedenfalls eine Verwaltungsvereinfachung. Schulleiter heute sagen, dass sie nur Bürokraten sind und Listen ausfüllen und keine pädagogische Funktion mehr haben. (Lisa Aigner, derStandard.at, 11.7.2014)

Rudolf Altersberger (geboren 1955) ist seit Herbst 2013 Präsident des Landesschulrats in Kärnten. Er wurde von SPÖ-Landeshauptmann Peter Kaiser eingesetzt. Davor war er 13 Jahre lang Vizepräsident des Landesschulrats.

  • Bund und Länder streiten vor allem darüber, wer künftig für die Lehrer zuständig sein soll.
    foto: dpa/wolfraum

    Bund und Länder streiten vor allem darüber, wer künftig für die Lehrer zuständig sein soll.

  • "Wenn du ein neues Projekt durchbringen willst, brauchst du sehr viel Energie. Weniger für die Umsetzung, sondern für die Zustimmung in den verschiedenen Verwaltungszuständigkeiten": Rudolf Altersberger will bestehende Behörden zusammenführen.
    foto: landesschulrat kärnten

    "Wenn du ein neues Projekt durchbringen willst, brauchst du sehr viel Energie. Weniger für die Umsetzung, sondern für die Zustimmung in den verschiedenen Verwaltungszuständigkeiten": Rudolf Altersberger will bestehende Behörden zusammenführen.

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