Ich brauche das Lebendige, das Unperfekte um mich

14. Juli 2014, 08:34
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Der Hotelier Florian Weitzer wohnt in einem alten Knusperhäuschen am Stadtrand von Graz

Der Hotelier Florian Weitzer, der unter anderem die Hotels Daniel in Wien und Graz betreibt, wohnt in einem alten Knusperhäuschen am Stadtrand von Graz. Wojciech Czaja besuchte ihn und seine Origami-Vögel. 

"Entdeckt habe ich das Haus beim Spaziergehen mit meiner Frau Astrid. Während wir da am Stadtrand von Graz so entlangmarschieren, das muss 2005 oder 2006 gewesen sein, sind wir auf dieses kleine, süße, wunderbare Knusperhäuschen gestoßen. Wir haben sofort angeklopft und gefragt, ob wir es kaufen können. Leider nein, hieß es. Schade eigentlich. Doch das Schicksal meinte es gut mit uns, denn einige Jahre später, circa 2010, sind wir in einer Internetanzeige erneut darauf gestoßen. In dem Moment war uns klar: Das ist es! Wir müssen zuschlagen!

Florian Weitzer im Wohnzimmer seines Hauses, das er beim Spazierengehen entdeckt hat. Der weiße Bilderrahmen an der Wand fungiert als Schreibtisch. (Foto: Zita Oberwalder; Bildansicht durch Klick vergrößern)

Soviel ich weiß, wurde das Haus 1914 errichtet. Es hat zwar zwei Geschoße, aber die Raumaufteilung ist klein und kompakt gehalten. Das Wohnzimmer, in dem wir uns gerade befinden, ist schon eines der drei größten Zimmer hier im Haus. Wir haben kaum etwas verändert, denn die Substanz war sehr gut, und die neuen Einbauten und Ergänzungen der vorigen Eigentümer, der Familie Riegler von Riegler Riewe Architekten, waren funktional geschickt gelöst und ästhetisch tipptopp.

Das Einzige, was wir verändert haben, waren die Farben. Denn weiße Wände überall - das ist nicht unser Ding. Zum Teil haben wir die Farbe belassen, zum Teil haben wir sie mit dicken, kräftigen Farbtönen übermalt, und zum Teil haben wir sie abgeschabt und abgekratzt. An einigen Stellen kam der alte, historische Anstrich mit der Farbwalze zum Vorschein. Mir gefällt das. Ich mag diese schichtweise Lesbarkeit der Zeiten und Epochen, diesen Geschichtenreichtum eines Hauses. Insgesamt haben wir uns zwei Jahre lang mit dem Umbau beschäftigt - ganz langsam und ohne Stress. Aber fertig ist es noch immer nicht. Und wahrschein-lich wird es auch niemals fertig sein.

Was die Möbel betrifft, na ja, die sind von überallher. Die Couch ist aus Italien, die Lampe aus Marokko, der Grammofonschrank ist ein Erbstück meiner Frau Astrid, und den Teppich haben wir im Keller eines unserer Hotels gefunden. Die kleinen Sachen sind vom Flohmarkt. Eines meiner Lieblingsstücke ist der alte Vogelkäfig auf dem Boden. Da sind Vögel drin! Zwei Origami-Vögel aus Papier.

Im Grunde ist das Haus so ähnlich, wie wir unsere Hotels gestalten: Es hat etwas Barockes, Liebliches, Ziseliertes. Ich kann den Teppich verrücken, ohne dabei das ganze Zimmer zu zerstören. Ich kann einen Kratzer in der Wand machen, ohne alles neu ausmalen zu müssen. Und ich kann Möbelstücke austauschen und wieder neue Sachen reinstellen, und das Ding wird sich weiterentwickeln. Ich brauche das Unperfekte, das Lebendige, das bereits Gewesene um mich. Das ist beim Wohnen nicht anders als im Hotel. Der einzige Unterschied zu unseren Hotels ist nur, dass wir hier kein Personal und keinen Service haben.

Der weiße Bilderrahmen hinter mir ist übrigens eine Art Schreibtisch, ich bin nämlich ein visueller Typ. Ich durchforste Zeitungen, Zeitschriften und Lifestyle-magazine und hebe mir die Fotos und Grafiken als Inspirationsquelle für künftige Zimmersanierungen und Hotelprojekte auf. Denn eines will ich auf keinen Fall: Ich will kein Hotel machen, bei dem die Leute dann sagen, sie fühlen sich hier wie zu Hause. Dann kann ich ja gleich zu Hause bleiben. Ja, ich bin auf der unentwegten Suche nach dem Abenteuer im Kopf. Mein nächstes Abenteuer ist die Sanierung unseres alten Bauernhofs, der schon seit mehr als 40 Jahren unbewirtschaftet ist, ein Mammutprojekt. Aber es muss sein. Da werden wir unsere Vorstellungen eines unabhängigen, autarken Lebens noch besser zum Ausdruck bringen können. Aber ich fürchte, das wird noch dauern." (DER STANDARD, 12.7.2014)

Florian Weitzer, Jahrgang 1973, studierte Betriebswirtschaft und arbeitete im Hotel Sacher, im Schloss Fuschl sowie in Paris und Hongkong. 2003 übernahm er von seinem Vater die Geschäftsführung der Weitzer-Hotels, zu denen derzeit vier Häuser mit insgesamt 525 Zimmern gehören, darunter das Hotel Daniel beim neuen Wiener Hauptbahnhof. Am Schubert ring in der Wiener Innenstadt entsteht derzeit ein weiteres Hotel. Außerdem leitet er einige gastronomische Betriebe. Gemeinsam mit seiner Frau Astrid und seinen beiden Kindern lebt er am Stadtrand von Graz.

Link

hoteldaniel.com

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