Schottland: Die Freiheit hat ihren Preis

11. Juli 2014, 05:30
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Öleinnahmen, Währung, Zinsen und Verschuldung: Nur ein paar Fragen, die für Schottland im Falle der Abspaltung von den Briten zu lösen sind

Wien - 307 Jahre haben sich Schottland und Großbritannien angenähert. Ein Prozess, der am 18. September enden könnte - dann stimmen die Schotten über ihre Unabhängigkeit ab. Auf dem Weg in die Freiheit lauern aber Hürden:

  • Nordsee-Öl Die Idee der schottischen Unabhängigkeit ruht auf den Einkommen aus dem Nordsee-Öl. "Mittelfristig könnte der Ölpreis aber fallen, wenn die USA das Fracking weiter ausbauen", sagt Monika Rosen-Philipp, Chefanalystin vom UniCredit Private Banking. Zudem sagen Experten, dass das Nordsee-Öl sein Fördermaximum ("peak oil") überschritten habe. Die Öleinnahmen sind von 2010 bis 2013 bereits um 38 Prozent zurückgegangen. Die wirtschaftliche Abhängigkeit Schottlands von den Briten bliebe hoch. "75 Prozent des schottischen Handels läuft mit Großbritannien", sagt Rosen. Umgekehrt ist das nicht so: Die Schotten sind für England nur der zweitwichtigste Handelspartner nach den USA.
  • Währung Wird Schottland unabhängig, stellt sich die Frage nach der Währung. Ein Verbleib im britischen Pfund würde dazu führen, "dass die Bank of England (BoE) weiterhin den Ton angibt und Schottland an Mitsprache verlieren würde", sagt Christian Zima, Fondsmanager im Team Rates & FX bei der Raiffeisen Capital Management. Auch an einer Dividendenausschüttung der BoE würde Schottland wohl nicht mehr teilhaben. Eine eigene Währung bringt aber auch die Notwendigkeit einer eigenen Notenbank mit sich, was Kosten verursacht. Auf den Euro zu switchen wäre nicht möglich, da Schottland als unabhängiges Land erst der EU beitreten müsste. Für Zima wäre eine Zwischenwährung denkbar, die vom Wert her 1:1 das britische Pfund widerspiegelt.
  • Zinsen Ohne eigene Währung würde Schottland wohl einen Zinsaufschlag zahlen müssen, weil es eben keine Notenbank im Land gibt, die im Fall des Falles die Notenpresse anwerfen könnte. Die Refinanzierung des Landes würde sich verteuern. Aber auch auf die Kreditwürdigkeit der Briten würde sich der Wegfall von Schottland auswirken, warnte die Ratingagentur Fitch. Die Verschuldung zur dann kleiner gewordenen Wirtschaftskraft müsste gesenkt werden, um das aktuelle Rating halten zu können.
  • Verschuldung Die Aufteilung der Schulden zwischen England und Schottland wäre ein Teil des Preises für die Unabhängigkeit. Dafür muss ein Modus gefunden werden. Für Zima wäre eine Berechnung abhängig vom BIP oder eine Pro-Kopf-Aufteilung denkbar.

Der Bankensektor könnte im Fall der Unabhängigkeit zudem anfälliger für Krisen werden, heißt es in einer für das Magazin "The Banker" erstellten Studie, weil England den Schotten bei einer Krise wie etwa dem Fall der Royal Bank of Scotland (Großbritannien hat die Bank aufgefangen und hält noch 80 Prozent) nicht mehr beispringen würde.

Auch wenn solche Szenarien offiziell kleingeredet werden, soll die Lloyds-Bank bereits ein Team zusammengestellt haben, das Auswirkungen des Referendums auf die Kunden untersuchen und Vorzüge eines Abzugs der Zentrale aus Edinburgh analysieren soll. Der Vermögensverwalter Standard Life mit Sitz in Edinburgh gründet derzeit eine Gesellschaft außerhalb von Schottland, um den Hauptsitz im Falle der Unabhängigkeit schnell verlegen zu können. Alliance Trust hat das bereits erledigt.

Spenden und Wetten

Während Politiker derzeit mit Vor- und Nachteilen um sich schmeißen, zeichnet sich in Umfragen (wo noch immer das "Nein" überwiegt) auch ein Gender-Thema ab. "Männer neigen eher zum Ja für die Unabhängigkeit, Frauen zum Nein", sagt Rosen. Prominenteste Gegnerin ist wohl Joanne K. Rowling, Autorin der Harry-Potter-Bücher. Sie hat den Wahlkampf der Pro-Briten mit einer Million Pfund (1,24 Mio. Euro) unterstützt.

Viel Geld hat auch ein Zocker aufs Spiel gesetzt. 400.000 Pfund hat ein Mann aus der Grafschaft Surrey im Süden Englands beim Wettanbieter William Hill auf ein "Nein" zur Unabhängigkeit gesetzt - und damit die bisher größte politische Einzelwette bei William Hill abgegeben. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, 11.7.2014)

  • Schotten und Engländer haben im Juni die Schlacht von Bannockburn vor 700 Jahren nachgestellt. Damals galt der Sieg den Schotten. Ob diese sich von den Briten abspalten, wird im September entschieden.
    foto: reuters / paul hackett

    Schotten und Engländer haben im Juni die Schlacht von Bannockburn vor 700 Jahren nachgestellt. Damals galt der Sieg den Schotten. Ob diese sich von den Briten abspalten, wird im September entschieden.

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