Trüber Blick auf die Welt in 50 Jahren

Kommentar der anderen10. Juli 2014, 17:42
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Ein Auszug aus Eduard Schewardnadses "Brief an die Nachwelt"

Einige wichtige Ereignisse von heute werden (in fünfzig Jahren) in zwei bis drei Zeilen eines Geschichtsbuches zusammengefasst sein oder zur trockenen Statistik werden. Die durch die Welterwärmung verursachten persönlichen Tragödien werden bereits erlitten und vergessen sein. Die vergangenen Katastrophen werden niemanden wirklich erschüttern. (...)

Allerdings: Wenn es so weitergeht, wie das 21. Jahrhundert begonnen hat, dann wird es zu dem oben genannten Zeitpunkt gar keine Leser mehr geben.

Die heutige Welt jedoch will die Warnungen der Natur nicht in vollem Maße wahrnehmen. Mit blindem Starrsinn und mit noch größerer Intensität als zuvor setzt die Menschheit das fort, was den Effekt der globalen Klimaveränderung noch zerstörerischer machen kann, ohne daran zu denken, dass dies tödliche Folgen für alle Menschen mit sich bringen wird.

Hier gibt es nur einen einzigen Ausweg. Für jeden Menschen, für jeden Staat, für die Weltgemeinschaft und für alle internationalen Organisationen muss die weltweite Erwärmung zum allerwichtigsten Problem werden. Alle Ressourcen müssen zum Aufhalten dieser Erscheinung eingesetzt, und die Vermeidung des Klimawandels muss überall zum ersten Ziel werden.

Ein wissenschaftlich, wirtschaftlich und finanziell begründetes Weltprogramm muss erstellt werden. Die Lebensweise muss sich ändern. Die Entfremdung von der Natur muss durch das Erlebnis des Einsseins mit der Natur ersetzt werden. Wir haben vergessen, was unsere Vorfahren gewusst haben, und wir müssen das Verlorene wiederfinden.

Die Zukunft der Welt wird auch von einer anderen globalen Frage schicksalhaft beeinflusst werden - von dem demografischen Problem, das bereits heute seine Korrekturen in die Weltordnung einbringt. Ungesteuerte demografische Prozesse werden die menschliche Zivilisation von innen heraus sprengen.

Die Kulturen Europa wie auch Russland, die USA, Japan und einige andere Staaten dieser Länder sind in Gefahr, einfach zu verschwinden, wenn nicht irgendetwas prinzipiell Neues die Entwicklung in radikalster Weise verändert.

Georgien und der georgischen Kultur droht dasselbe. Nach den letzten Angaben beträgt die Bevölkerung Georgiens vier Millionen Einwohner. In der Zeit der Sowjetunion lag die Zahl bei mehr als fünf Millionen. Die Bevölkerung Russlands wird sich von den 147 Millionen Einwohnern heute auf 114 Millionen im Jahre 2050 reduzieren. Die Bevölkerung seines Nachbarstaats China wird dagegen um 250 Millionen wachsen. Auch für andere asiatische Staaten wird ein erhebliches Wachstum prognostiziert. (...)

Der Zusammenstoß der Immigranten und ihrer Nachkommen mit der einheimischen Kultur ist nur ein Ausdruck jenes "Krieges der Zivilisationen", der bereits ausgebrochen ist und der in diesem Jahrhundert noch intensiver geführt werden wird. (DER STANDARD, 11.7.2014)

Aus: "Als der Eiserne Vorhang zerriss - Begegnungen und Erinnerungen". © 2007 Peter-W.-Metzler-Verlag

Eduard Schewardnadse (1928 bis 2014) war der letzte sowjetische Außenminister und Ex-Präsident Georgiens.

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