Die lustfeindliche Dekonstruktion der Spielmacher

Analyse10. Juli 2014, 15:28
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Bei Argentinien und den Niederlanden dominierte das Bemühen, nicht zu verlieren, um am Ende durch einen Genieblitz oder durch Zufall vielleicht doch noch zu gewinnen

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Wie die Nacht zum Tag verhielt sich das Halbfinale zwischen den Niederlanden  und Argentinien zu jenem zwischen Deutschland und Brasilien. Auf die Party von Belo Horizonte folgte Pein von São Paulo. Hüben wie drüben dominierte das Bemühen, nicht zu verlieren, um am Ende durch einen Genieblitz oder durch Zufall vielleicht doch noch zu gewinnen. Über 120 Minuten entwickelte sich ein taktisches Ringen, das sämtliche Beteiligten in ihren Positionen mit eisernem Geschirr festzurrte.

Entsprechend überkomplex gerieten auf beiden Seiten die Passnetzwerke. Und man kann den Verlierern nicht unterstellen, dass sie es nicht versucht hätten. Die personellen und taktischen Rochaden der Niederländer manifestieren sich in reichlich dezentralen Passstrukturen und künden vom Bemühen, sämtliche zur Verfügung stehenden Ressourcen gegen das robuste argentinische System auszuschöpfen. Das niederländische Übergewicht in Sachen Ballbesitz fußt weniger auf tatsächlicher Spieldominanz, sondern mehr auf einer Qualität des argentinischen Teams, die man mit dem Vermögen zur "passiven Spielkontrolle" beschreiben könnte. Im aktiven Passspiel der Argentinier überwiegen vertikale Dyaden – das Spiel in die Spitze als eher notgedrungen denn lustvoll-energisch in Erwägung gezogene Möglichkeitsform.

Zentrale Figur dieser nur bedingt attraktiven Strategie war Altmeister Mascherano, der als omnipräsente Security auf und ab patrouillierte und potenzielle Freiräume unter bedingungslose Kuratel stellte. Vor allem Robben spürte ihn in den wenigen brenzligen Situationen, die er im Ansatz zu erwirken vermochte, als unbeirrbaren und letztlich unüberwindlichen Schatten.

Generell kündet die Analyse von der radikalen Dekonstruktion der Figur des Spielmachers. Ähnlich wie Robben wurde Messi so konsequent aus dem Spiel genommen, dass vom Mythos des Unterschiedes, den ein Einzelner zu machen imstande sei, nicht mehr als das Bild einer märchenhaften Überhöhung blieb. Entschieden musste dieses Gleichgewicht der Verlustangst schließlich folgerichtig durch Elfer werden. (Helmut Neundlinger, Umsetzung für derStandard.at: Florian Gossy, Markus Hametner, 10.7.2014)

Die Analytiker: FASresearch mit Sitz in Wien und Brüssel war bei den Weltmeisterschaften 2006 und 2010 sowie bei der EM 2008 und 2012 im Einsatz und beobachtet exklusiv für den Standard auch Österreichs Qualifikationsspiele. Team: Ruth Pfosser, Helmut Neundlinger, Wolfgang Streibl, Harald Katzmair, Agnes Chorherr und Andreas Scheicher.

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