Deutscher Matchplan aus dem Smartphone

10. Juli 2014, 13:15
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Die DFB-Elf bereitet sich auf Finalgegner Argentinien vor, die Grundlagen liefert wie bisher Chefscout Urs Siegenthaler - Gaucho Biglia über die Marschroute zum Titel: "Genauso spielen wie gegen Holland"

Rio de Janeiro/Santo André - "Europa gegen Südamerika - eine reizvolle Konstellation. Argentinien ist defensiv stark, kompakt, gut organisiert", sagte Joachim Löw kurz nach dem dramatischen Ende der zweiten Halbfinale bei der WM in Brasilien. Der zweifache Weltmeister hatte sich dort gegen die Niederlande nach einem Hochamt der Taktik im Elfmeterschießen durchgesetzt.

Mit seiner Mannschaft hatte der deutsche Bundestrainer das Spiel auf einer Großleinwand im Basiscamp von Santo André verfolgt. Dieses mutiert nun bis zur Abreise nach Rio am Freitagnachmittag zu einer verbotenen Zone: volle Konzentration auf den letzten Schritt, das Endspiel, steht in den restlichen drei Trainingseinheiten auf dem Programm.

Das surreale Halbfinale gegen Brasilien nimmt man im Lager des DFB zwar gerne als klares Zeichen der eigenen Stärke mit, doch beim Feintuning wurde das bereits historische 7:1 höchstens noch am Rande behandelt. "Ich habe das Gefühl, dass bei uns alle geerdet und bereit sind", ortet Löw keinerlei Abhebetendenz.

Sorgen bereitet ihm allenfals der bisher so starke Abwehrchef Mats Hummels, der gegen Brasilien wegen einer Sehnenreizung ausgewechselt werden musste. "Ich habe ein paar Probleme, hoffe aber, dass ich Sonntag wieder fit bin", sagte der Dortmunder.

Die Final-Bilanz gegen die Albiceleste ist ausgeglichen. Deutschland verlor das WM-Endspiel 1986 in Mexiko mit 2:3. Vier Jahre später folgte in Rom die Revanche in Form eines 1:0-Erfolgs. Jetzt steht die dritte Auflage auf dem Programm - keine andere Finalpaarung gab es so oft.

Siegenthaler, ein Mann im Hintergrund

Material zur Ausarbeitung eines Matchplans liegt bereits umfangreich vor. Dafür verantwortlich zeichnen Chefscout Urs Siegenthaler und sein Team. Videosequenzen, Einschätzungen von Stärken und Schwächen, Taktik-Analysen - alles bis ins Detail ausgearbeitet. Zwar lässt sich Löw bei Aufstellung und Taktik auch hin und wieder von seinem Bauchgefühl leiten - doch letztendlich ist es die akribische Vorarbeit der Analysten, die den Ausschlag gibt.

In der Sporthochschule in Köln bearbeiten dafür im Auftrag des DFB zunächst 40 Studenten laut Flick "jeden Zeitungsartikel und jede Szene vom Gegner, die für uns interessant sein könnte". Daraus würden wiederum der Schweizer Siegenthaler ("Zufall spielt in meiner Arbeit keine Rolle") und seine Mitarbeiter  "eine qualitative Auswahl" vornehmen, "und wir entscheiden dann, was wir der Mannschaft zeigen und welchen Plan wir wählen", sagt  Löws Assistent Hansi Flick. Den Spielern wird ein Kondensat all dessen in Form von Tools und Apps zur Verfügung gestellt, jederzeit auf Smartphones abrufbar.

"Wir liefern alle relevanten Informationen und machen ganz klare Vorschläge", so der zuständige Chefanalyst Christofer Clemens: "Die letzte Entscheidung trifft aber der Bundestrainer."

Der unsichtbare Messi

Möglicherweise wird dort auch die eigenartige Unsichtbarwerdung des Lionel Messi erwähnt werden. Der als Erlöser verehrte Mann vom FC Barcelona hatte zwar in der Vorrunde mit vier Treffern entscheidenden Anteil am Verbleib Argentiniens im Turnier, trat seither aber immer weniger in Erscheinung.

In den 120 Minuten gegen die Niederlande verzeichnete er nicht einen gefährlichen Torschuss. Am Mittwoch musste man fast sagen: Argentinien schaffte es nicht wegen, sondern trotz Messi, dessen Laufleistung einmal mehr sehr bescheiden ausfiel, ins Finale.

Die Helden, die von den Menschen auf den Straßen von Buenos Aires gefeiert wurden, waren andere. Javier Mascherano, ein unerbittlicher Abräumer im defensiven Mittelfeld. Marcos Rojo, ein vor dem Turnier verspotteter Außenverteidiger. Und Elferkiller Sergio Romero, bei seinem Verein AS Monaco in der abgelaufenen Saison nur Ersatzgoalie mit 228 Einsatz-Minuten in der Liga.

Was einen Matchplan für Sonntag betrifft ist auch schon alles klar. Zumindest für Defensivmann Lucas Biglia, der gegen Oranje eine Stunde mit einem dick bandagierten Arm weitergerackert hatte: "Wir müssen einfach genauso spielen wie gegen Holland", sagte der 28-Jährige. "Deutschland hat gegen Brasilien sieben Tore gemacht. Aber gegen uns müssen erst einmal dazuschauen, dass sie eines schaffen." (sid/bausch - 10.7. 2014)

  • Joachim Löw inkognito auf Gegnerbeobachtung. Neben ihm: sein dezenter Chefinformatiker Urs Siegenthaler.
    foto: apa/epa/scheidemann

    Joachim Löw inkognito auf Gegnerbeobachtung. Neben ihm: sein dezenter Chefinformatiker Urs Siegenthaler.

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