Österreicher unterschätzen Naturkatastrophen

10. Juli 2014, 15:43
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Österreichischer Versicherungsverband stellt Studie vor

Das Gefahrenbewusstsein für Naturkatastrophen ist in Österreich zu schwach ausgeprägt, konstatierte Wolfram Littich, Vizepräsident des Versicherungsverbandes Österreich (VVO), auf einer Pressekonferenz am Donnerstag. Ein Jahr nach dem großen Hochwasser habe sich die Einstellung der österreichischen Bevölkerung nicht grundlegend geändert. Gemeinsam mit Othmar Thann vom Kuratorium für Verkehrssichterheit (KFV) und Michael Staudinger von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) stellte er neue Zahlen für 2014 vor.

Naturkatastrophen werden in Österreich unterschätzt

Weit über die Hälfte aller in einer Studie nach ihren subjektiven Einschätzungen befragten Österreicher glauben nicht, dass sie persönlich Opfer einer Naturkatastrophe an ihrem Wohnort werden könnten. Fast alle der 1500 Telefoninterviewten - nämlich 92 Prozent - fühlen sich im eigenen Land gering oder überhaupt nicht gefährdet. 2013 sahen sich ein Drittel der befragten Personen, die sogar selbst in einer Hochwasserrisikozone leben, keiner Gefahr durch Überschwemmungen ausgesetzt. Ein Jahr nach dem Hochwasser habe sich diese Zahl nicht verändert. Dies sei ein Zeichen für die "hohe Vergessenskurve" in Österreich. Littich vom VVO hielt fest, es habe trotz der Betroffenheit vor allem kleinerer Gemeinden kein Umdenken in der Bevölkerung stattgefunden. Bei jungen Erwachsenen in Wien ist der Studie zufolge das Gefahrenbewusstsein am niedrigsten ausgeprägt.

Erde, Wasser, Sonne, Licht

Extremwetterereignisse in Österreich seien Littich zufolge keine theoretischen Zukunftsprognosen, sondern längst Teil der Wirklichkeit. Stürme, Blitze, Überschwemmungen, Erdbeben, Hagel, Hitze, Lawinen, Muren oder Kälteanomalien - die Bandbreite an Erscheinungen sei groß und es gebe kein Bundesland, das nicht betroffen sei. Die Schäden aus solchen Naturereignissen beziffern sich jährlich auf mehrere Millionen Euro. Durchschnittlich alle drei Jahre müsse man in Österreich mit einer Naturkatastrophe in Höhe von mehr als 200 Millionen Euro versicherter Schäden rechnen, so der Vizepräsident der VVO.

Es greift das Floriani-Prinzip

Nach dem Donauhochwasser im Jahr 2002 gab es zwar etliche Schutzmaßnahmen und gesicherte Dämme gegen derartige Fluten, ohne die die Schäden weitaus dramatischer ausgefallen wären. Trotzdem verlassen sich viele Österreicher bei der Frage um Prävention vor allem auf die anderen. Der Begriff des sogenannten Floriani-Prinzips, das das Wegschieben unangenehmer Tätigkeiten auf andere meint, geht auf den Heiligen Florian und seine Rolle bei Feuersbrünsten und Dürren zurück. Als Schutzpatron flehte man die Symbolfigur der hiesigen Feuerwehren mit Sprüchlein an wie "Verschon' mein Haus, zünd' and're an!"

25 Prozent der Bevölkerung sehen Katastrophenvorbeugung und Krisenmanagement als reine Aufgabe der Behörden. Weniger als die Hälfte der Befragten aus der eigens in Auftrag gegebenen Studie hätten, so Othmar Thann vom KFV, überhaupt bauliche Maßnahmen getroffen, um Schäden am eigenen Zuhause zu verhindern. So führten beispielsweise bei Starkregen Dachrinnen mit Ausfluss zum Kellerfenster immer wieder zu Überschwemmungen in den Untergeschoßen - ein marginaler Lapsus, dessen Vermeidung wenig Aufwand kosten und folgenschwere, oft teure Ausmaße verhindern könnte. 

Überleben im Notfall

Während die Mehrheit der Befragten noch Batterien für Taschenlampen, Hygieneartikel und Erste-Hilfe-Koffer inklusive einer kleinen Hausapotheke in der eigenen Wohnung haben, könnten sich lediglich zwei Drittel der Interviewten länger als eine Woche aus eigenen Vorräten ernähren. Nicht einmal die Hälfte der Befragten hätte aus dem Stegreif für Trinkwasser für länger als ein paar Tage vorgesorgt. Auch batteriebetriebene Radiogeräte zur Informationsversorgung wären nur bei 50 Prozent vorhanden.

Grünflächen und Temperaturunterschiede in der Stadt

Michael Staudinger von der ZAMG zitierte den Weltklimabericht 2014. Demnach werden Extremwetterereignisse zukünftig immer häufiger eintreten. Hitzetage jenseits der 30 Grad haben sich in Österreich in den letzten Jahrzehnten zum Beispiel verdoppelt und werden bis 2050 noch weiter zunehmen. Der Zusammenarbeit von Wissenschaft und Versicherung räumte er eine hohe Bedeutung ein. Naturkatastrophen habe es immer gegeben, das Bewusstsein dafür und für Existenzbedrohungen in der Bevölkerung sei aber stetig gesunken. Dabei appellierte Staudinger auch an die Stadtplanung. Innerstädtische Grünflächen und Waldgebiete im urbanen Umkreis, wie der Wiener Wald, hätten essentielle positive Auswirkungen auf die Begrenzung von Extremwetterereignissen. Auch in Wien seien je nach Lage an Hitzetagen oft Unterschiede von mehreren Grad Celsius im Bezirksvergleich zu beobachten. (Anja Melzer, derStandard.at, 10.7.2014)

  • Nach heftigen Regenfällen im Juni 2013 kam es in Österreich zu schweren Überschwemmungen.
    foto: apa/helmut fohringer

    Nach heftigen Regenfällen im Juni 2013 kam es in Österreich zu schweren Überschwemmungen.

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