Fehlervermeidung als oberste Maxime

Analyse10. Juli 2014, 11:56
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In einem von taktischem Geplänkel geprägten zweiten Halbfinale mutierte Keeper Romero zum Vater des Erfolgs

Wie schon so oft bei dieser WM stand am Mittwoch im zweiten Halbfinale zwischen Argentinien und den Niederlanden in der Arena Corinthians zu São Paulo ein Torhüter im Mittelpunkt. Diesmal war es Sergio Romero, der den Südamerikanern mit zwei gehaltenen Elfmetern ein Finale gegen Deutschland bescherte. Wie sich die übrigen Akteure in dem von Taktik und Vorsicht dominierten Duell schlugen, findet sich in der folgenden Einzelkritik.

NIEDERLANDE:

Jasper Cillessen: Hielt, was zu halten war. Bewies ansonsten im argentinischen Pressing seine fußballerischen Qualitäten und ließ Higuain und Agüero jeweils eiskalt aussteigen. Durfte diesmal bis zum Schluss im Tor bleiben. Anders als Ersatzmann Tim Krul gelang es ihm aber nicht, sich zum Elfmeterhelden aufzuschwingen.

Stefan de Vrij: Spielte konzentriert und abgeklärt, war am Ball souverän und zeigte eine passable Spieleröffnung.

Ron Vlaar: Der zentrale Mann in der Dreierabwehr. Agierte als kampf- und kopfballstarker Ausputzer. War zur Stelle, wenn es brannte, und oft der Retter im letzten Moment. Vergab den psychologisch wichtigen ersten Elfmeter.

Bruno Martins Indi: Wie de Vrij mit einem guten Passspiel. Offenbarte anfangs aber Mängel in der Absprache mit Daley Blind, wenn Perez in die Spitze vorstieß. Hatte später zudem gewisse Probleme mit dem schnellen und trickreichen Lavezzi im Eins-gegen-eins. Sah kurz vor dem Halbzeitpfiff Gelb und blieb nach der Pause draußen.

Dirk Kuyt: Guter Kampf in der Defensive, offensiv meist ohne Wirkung. Spielte in der zweiten Hälfte auf der linken Seite und machte dort viel aus seinen Möglichkeiten, war für Überraschungsmomente und Dribblings als Kampfstürmer a. D. aber naturgemäß wenig geeignet.

Daley Blind: Trat als linker Mittelfeldmann in der ersten Halbzeit offensiv nicht in Erscheinung. Spielte im zweiten Durchgang als linker Halbverteidiger und offenbarte dort anfangs kleine Unsicherheiten. Bot insgesamt eine unauffällige Partie.

Georginio Wijnaldum: Agierte bei gegnerischem Ballbesitz zwischen den beiden Angreifern Robben und van Persie, trat bei eigenem Ballbesitz zunächst aber nur in Erscheinung, wenn er sich etwas zurückfallen ließ. War dabei passstark und sorgte bei Sneijders Offensivaktionen für Stabilität.

Nigel de Jong: Der erfahrene Anker im niederländischen Mittelfeld, zweikampfstark, abgeklärt. Nach vorne aber blass. War noch angeschlagen, baute ab und wurde früh ausgewechselt (62.).

Wesley Sneijder: Fand gegen die harte Verteidigung der Argentinier nur schwer ins Spiel. Gab zwar den ersten Schuss ab, setze den aber klar vorbei. Seine Standards waren ebenso ungenau wie seine langen Bälle. Auch in der zweiten Hälfte nur selten mit Impulsen, half zumindest hinten diszipliniert aus.

Robin van Persie: Hing in der Luft, strahlte bei langen Bällen dank seiner großen individuellen Klasse aber etwas Gefahr aus. In der zweiten Halbzeit trat er nur mit einem halben Fallrückzieher in Erscheinung. Die Aktion war zuvor bereits abgepfiffen worden. Mehr konnte er nicht bewegen.

Arjen Robben: Fand zunächst überhaupt nicht ins Spiel und kam gar nicht an den Ball (sechs Ballkontakte in der ersten Halbzeit). Als die Niederländer in der zweiten Halbzeit mehr Risiko gingen, steigerte er sich deutlich und zog das holländische Spiel aus einer hängenden Position an sich. Bei seiner einzigen Chance kurz vor Ende der regulären Spielzeit legte er sich den Ball zu weit vor. Versprühte spätestens in der Verlängerung durchgängig Gefahr.

Daryl Janmaat (46. für Martins Indi): Besetzte die rechte Mittelfeldposition. Schaltete sich manchmal nach vorne ein, ihm fehlte dabei aber entweder die letzte Durchschlagskraft oder die Genauigkeit.

Jordy Clasie (62. für De Jong): Zog in der Mittelfeldzentrale ein durchaus ansehnliches Passspiel auf. Versuchte auch mal den riskanten Pass in die Spitze – aber ohne Ertrag.

Klaas Jan Huntelaar (90.+6 für van Persie): Legte noch zwei, drei Bälle ab, mehr war nicht drin.

ARGENTINIEN:

Sergio Romero: Verlebte zunächst einen recht ruhigen Abend und zeigte sich in der Luft verbessert. Im Elfmeterschießen hielt er nicht nur den ersten Elfmeter von Vlaar, sondern parierte auch den halbhohen Schuss von Sneijder – sogar ohne vorherige Psychotricks.

Pablo Javier Zabaleta: Hatte keinen schlechten Start, suchte die Stürmer mit langen Bällen, stieß regelmäßig vor und war defensiv auch sehr präsent. In der zweiten Hälfte aber nur zu Beginn mit Offensivaktionen.

Ezequiel Garay: Offensiv mit einem schmerzhaften und aussichtsreichen Offensivkopfball gegen Vlaar. Defensiv mit gewohnter Robustheit und Kopfballstärke.

Martin Demichelis: Lieferte wie sein Nebenmann eine gute Partie ab und bestach trotz seines fortgeschrittenen Alters in allen klassischen Verteidigungskategorien.

Marco Rojo: Defensiv sicher, offensiv gerne mit dem einfachen Ball. Wurde zwar zusehends mutiger, außer einem Distanzschuss brachte er bei seinen Vorstößen aber nur ungenaue Flanken zustande.

Enzo Pérez: Begann sehr druckvoll, zog überraschend und gefährlich in die Spitze, sorgte damit früh für Überraschungsmomente. Tauschte regelmäßig mit Lavezzi die Seite, auf links dann mit erheblich reduziertem Einfluss auf das Spiel. Über rechts wieder präsenter.

Lucas Biglia: Unauffälliger, aber nicht unbedeutender Stabilisator im Mittelfeld. Beschränkte sich anders als Gago, den er verdrängt hat, neben der Defensivarbeit auf Assistenzdienste für Mascherano.

Javier Mascherano: Eröffnete mit der ihm eigenen Klasse das Spiel, ehe er durch den Zusammenstoß mit Wijnaldum angeknockt wurde. Kehrte schnell aufs Feld zurück und übernahm wieder das Zepter, leistete sich aber umgehend einen krassen Fehlpass in die Füße von van Persie. Erholte sich von diesem Schockmoment und wurde zum Ende des Spiels wieder stärker. Mit der wichtigen Grätsche bei Robbens Großchance.

Ezequiel Lavezzi: Startete links, wechselte aber oft auf die rechte Seite und sorgte dort für Überzahlsituationen. Schlug viele Flanken und trat gefährliche Ecken. Nach seinem Dauer-Seitenwechsel ein Unruheherd: dribbelstark und schwer vom Ball zu trennen. Auf links wieder blass.

Lionel Messi: Stand erstmals bei einem Freistoß im Rampenlicht, schoss dabei aber nur Cillessen warm. Drehte immer wieder auf und beschleunigte das Spiel, lief sich dabei aber fast immer in der massierten niederländischen Deckung fest. Traf dann zumindest im Elfmeterschießen.

Gonzalo Higuain: Ackerte bis zu seiner Auswechslung respektable 8,2 Kilometer, lief dabei oft aggressiv und ohne Ertrag Cillessen an. Kam im Strafraum mehrmals ganz knapp zu spät, als er dann einmal die Chance hatte, traf er nur das Außennetz.

Rodrigo Palacio (81. für Perez): Rieb sich auf der Außenbahn auf und ermöglichte zunächst zwei Strafraumsituationen für Argentinien, ehe er den Ball fünf Minuten vor dem Elfmeterschießen freistehend Cillessen in die Hände köpfelte.

Sergio Agüero (82. für Higuain): Fand überhaupt nicht ins Spiel.

Maxi Rodriguez (101. für Lavezzi): Seine späte Direktabnahme in der Verlängerung war kein Problem für Cillessen, sein entscheidender Elfmeter aber schon. (Jörn Wenge, derStandard.at, 10.7.2014)

  • Sergio Romero erlöste mit zwei parierten Elfmetern die bangenden Argentinier und schickte die Niederländer ins Tal der Tränen.
    foto: epa/sebastiao moreira

    Sergio Romero erlöste mit zwei parierten Elfmetern die bangenden Argentinier und schickte die Niederländer ins Tal der Tränen.

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