Wie sich Joachim Löw Respekt verschaffen muss

Leserkommentar10. Juli 2014, 11:22
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Das beinahe tollpatschig wirkende Auftreten des deutschen Teamchefs verrät wenig über seine Kompetenz

Deutsche Genugtuung war nie schön anzusehen. Deutsche Genugtuung ist etwas Hässliches. Die stolze Brust des Beckenbauer, das verbissene Gesicht des Möller, der freche Grinser des Müller. Seit dieser Woche weiß man: Deutsche Genugtuung bringt kleine brasilianische Kinder zum Weinen. Und doch ist irgendwie alles anders als früher. Allen voran der Bundestrainer. Jogi Löw bringt niemanden zum Weinen. Jogi Löw ist nicht stolz, verbissen, er grinst nie provozierend, sondern eher verlegen, er suhlt sich nicht in einem Überlegenheitsgefühl.

Genau das scheint die Deutschen (und da vor allem Journalisten und Alt-Internationale) aber zu irritieren, die zu ihrem Teamchef ein zwiespältiges Verhältnis pflegen. Löw stand immer ein bisschen in der Kritik, obwohl er nur an seiner Punktebilanz gemessen der beste deutsche Bundestrainer aller Zeiten ist. Trotzdem: Wenn er lange Zeit kein Spiel verlor, hieß es: keine ernsthaften Gegner. Wenn er dann doch einmal verlor, hieß es: da haben wir es ja. Der Löw bringt's nicht.

Während der Weltmeisterschaft meldeten sich immer wieder Alt-Internationale, die dem Bundestrainer ausrichteten, dass er es nicht bringt. Michael Ballack wurde einst von Jogi Löw aussortiert. Jetzt erklärt er vor jedem WM-Spiel: Wenn er verliert, ist er weg. Beckenbauer sagt gefühlt jeden Tag: "Mit Schönspielerei gewinnst du nichts." Und spielten die Deutschen wie gefordert wenig schön, dann lag es an Löws Taktik, die auch nichts gewinnt. Die Deutschen generell können nicht vergessen, dass Deutschland bei der letzten Europameisterschaft an Italien scheiterte. Wegen taktischer Fehler des Teamchefs, so hieß es. Jetzt könnte man sagen: Wenigstens kann man unter Löw über taktische Vorlieben diskutieren, das ging unter seinen Vorgängern Beckenbauer, Vogts, Ribbeck nicht wirklich. Weil es schlichtweg keine Taktik gab.

Löw, der Donald Duck

Die Deutschen aber sehen Löw immer noch als Donald Duck, als einen tollpatschigen Pechvogel, weil sie die Lichtgestalt Beckenbauer als Gustav Gans in Erinnerung haben. Als einen Glückspilz, der den Deutschen alleine mit seiner Aura den letzten WM-Titel brachte. Als einen, der noch so richtig deutsch war. Als einen, der ein ganzes Land noch davon überzeugte, dass er überzeugen konnte. Als einen, der zwar nicht wusste, warum, aber am Ende überlegen über den Rasen streifte wie ein majestätischer Tiger, wie ein Kaiser. Löw ist der sympathische Pechvogel, der es am Ende doch wieder vergeigt.

Ein Donald Duck, der sich zwar ganz viel mit Taktik und Strategie beschäftigt und somit zu einer Art modernem Donald Duck wurde. Aber Donald bleibt Donald. Das Image hatte Löw schon in Österreich. Austria-Mäzen Frank Stronach sah in ihm keinen Winnertyp. Stronach, ein fußballerisch wenig gebildeter Mann, attestierte ihm taktische Mängel, kurz darauf musste er den Verein verlassen. Einmal filmte ein Kamerateam den heutigen deutschen Teamchef, als er locker-lässig im Kabinengang des Austria-Stadions daherschlenderte. Löw rutschte aus, erfing sich aber. Das Ganze sah trotzdem lustig aus. Die heimischen Alt-Internationalen, die damals schon lieber einen Ogris als einen Deutschen am Trainerbankl gesehen hätten, fanden das besonders witzig.

Löws beinahe tollpatschig wirkendes Auftreten verrät aber wenig über seine Kompetenz. Deutschland steht dort, wo es steht, weil Löw dort steht, wo er steht. An der Seitenlinie, als Trainer der deutschen Nationalmannschaft. Seit Löw da ist, spielt Deutschland Fußball. Alles, was die Deutschen davor spielten, wirkt jetzt wie eine andere Sportart. Deutschland mag davor viel gewonnen haben, aber nie etwas wie Anerkennung. Heute wollen kleine Buben auf der ganzen Welt nicht mehr wie Brasilianer spielen, sondern wie Müller, Götze, Lahm. Wenn man heute von Fußball spricht, dann spricht man von den Deutschen.

Die deutsche Nationalelf hat sich erst unter Löw mit dem Sport versöhnt, den sie schon davor Jahrzehnte betrieben hat. Aber eben nie spielte, sondern kämpfte. Auch wenn Lothar Matthäus vor kurzem orakelte, dass Löw erst lernen müsse, dass man mit schönem Fußball nichts gewinnt. Wenn die deutsche Nationalelf am Sonntag Weltmeister wird, dann ist das ein Produkt einer Spielweise, die Schönheit mit Zielstrebigkeit vereint.

Wenn Löw tatsächlich den Pokal stemmen würde, was wären dann Argumente wie das von Matthäus noch wert? Was wird aus den Thesen, wonach Löw nur gegen unbedeutende Teams in unbedeutenden Qualifikationen gewinne, wenn nach Frankreich und Brasilien auch Argentinien ausgeschaltet wird? Was sagen die Kritiker in Anbetracht der kleinen Buben, die überall auf der Welt mit Müller-Leiberln herumlaufen anstatt mit denen von Fred?

Löws Begleiter neben Erfolg war immer Kritik

War es nicht der Spielstil, der kritisiert wurde, dann wurde über seine Hemden gewitzelt, seine Haare, seinen Gang. Wie kann man auch Hemden tragen? Dazu noch welche, die sitzen? Löw muss sich auch während einer ziemlich erfolgreichen WM fühlen, als lebe er in einem Land mit überdimensionierten Balkonen, auf denen sich nicht nur die zwei alten Muppet-Grantler befinden, sondern ein paar Millionen Puppen mit Gesichtern von Beckenbauer bis Ballack.

Es ist paradox, dass Löw von einem Land nicht geliebt wird, dessen Teamchefs der vergangenen zwei Jahrzehnte Beckenbauer, Vogts oder Ribbeck hießen. Das ist so, als würde Heidi Klum nach einer Liaison mit Flavio Briatore C. Ronaldo einen Kuss wegen zu geringer Attraktivitätswerte verweigern. Nur zum besseren Verständnis: Ronaldo ist in dem Vergleich Löw, Klum ist Deutschland, Briatore ist Beckenbauer, Vogts, Ribbeck.

Nach dem 7:1 über Brasilien trösteten die deutschen Spieler am Rasen ihre Kontrahenten. Klose strich Scolari über den Kopf, Löw vermied bewusst triumphale Gesten. Unter Löw ist der deutsche Fußball nicht nur schön geworden, sondern auch menschlich.

Fakt bleibt: Löw muss trotz allen Jubels Weltmeister werden. Solange Deutschland einen König wie den Kaiser hat, wird es einen Buben wie Löw nicht akzeptieren. Nur wenn die Karten neu gemischt werden, kann eine neue Rangordnung entstehen. Und man stellt sich bereits die Frage: Was wäre eigentlich, wenn Löw in der Nacht von Sonntag auf Montag tatsächlich mit dem WM-Pokal herumläuft, ihn küsst, ihn in die Höhe stemmt, den Rasen auf und ab schreitet, ganz überlegen? Löw wäre ein guter neuer Kaiser. (Gerald Gossmann, Leserkommentar, derStandard.at, 10.7.2014)

Gerald Gossmann ist Redakteur bei 90minuten.at.

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