Das bittere Ende kommt erst

9. Juli 2014, 20:02
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Die Weltmeisterschaft ist für Brasilien nicht nur ein sportlicher Flop. Die hohen Kosten belasten den aus dem Ruder gelaufenen Haushalt

Wien - Außer Spesen nichts gewesen, liegt manchem Beobachter auf der Zunge. Der Vergleich könnte sich aber als Euphemismus entpuppen. Die hohen Kosten für die Vorbereitung der Weltmeisterschaft in Brasilien und der sportliche Absturz fallen ausgerechnet in eine Zeit, in der die soziale und wirtschaftliche Lage auf der Kippe steht. Kaum war der schlafende Riese - wie Brasilien wegen des riesigen Potenzials und der schwachen Entwicklung lange genannt wurde - erwacht, droht er auch schon zu stolpern.

Das Wirtschaftswachstum hat sich zuletzt kräftig eingebremst, die hohen Staatsschulden drücken die Bonitätsnoten der Ratingagenturen nach unten, und die soziale Lage gilt ohnehin als Sprengsatz. Fußball kann viel kitten, aber aktuell erhöht er die Explosionsgefahr. Es war die WM, die Brasilien einen Kick geben sollte und die Nation nun ins Abseits schickt. Aus der von der Politik versprochenen Wachstumsmaschinerie wird wohl nichts - mit oder ohne Seleção im Finale. Umgerechnet mehr als acht Milliarden Euro wurden in Stadien und Infrastruktur gepumpt. Doch die Zentralbank des Landes hat die Konjunkturprognose erst kürzlich von zwei auf 1,6 Prozent Plus zurücknehmen müssen.

Gleichzeitig steigt die Inflation, die sich 2014 auf 6,4 Prozent beschleunigt. Die Teuerung belastet vor allem die unteren Schichten, die ihr Einkommen für Nahrungsmittel, Miete, Kleidung und dergleichen verbrauchen, während Besserverdiener anteilsmäßig weniger konsumieren. Die Brasilianer, die immer wieder mit Hyperinflation zu kämpfen hatten und mehrere Währungsreformen hinter sich haben, reagieren allergisch auf die Teuerung.

Dabei ist das soziale Gefüge ohnehin schon wackelig. Zwar hat der Boom des letzten Jahrzehnts kombiniert mit den Reformen der sozialistischen Regierungen zu einem beachtlichen Anwachsen der Mittelschicht geführt, in die Millionen Arme aufgestiegen sind. Doch die Ungleichheit ist nach wie vor riesig, auch wenn die feinen WM-Studios an der Copacabana andere Eindrücke vermitteln. Die Regierung hat viele der sozialen Errungenschaften auf Pump erkauft. Die steigende Verschuldung war in den Jahren hoher ausländischer Kapitalzuflüsse und Wachstumsraten scheinbar kein Problem, doch das Bild hat sich merklich geändert.

Internationale Investoren wie der größte Anleihenfonds Pimco ziehen sich aus Brasilien zurück. Die Ratingagentur Standard & Poor's hat die Bonitätsstufe für das Land auf BBB- gesenkt - nur noch eine Stufe über Ramschniveau. Das ständige Verfehlen der Haushaltsziele habe die Kreditwürdigkeit "systematisch geschwächt", urteilte die Agentur.

Nach den Wahlen im Herbst rechnen viele Experten mit Ausgabenkürzungen, um das Budgetloch zu verkleinern. Vom Wachstumsbeitrag der Weltmeisterschaft von 0,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, den die Regierung angibt, dürfte nur ein Haushaltsminus übrig bleiben. (as, DER STANDARD, 10.7.2014)

  • Das Maracanã in Rio de Janeiro wird in puncto Nachnutzung und Wirtschaftlichkeit die geringsten Sorgen bereiten.

    Das Maracanã in Rio de Janeiro wird in puncto Nachnutzung und Wirtschaftlichkeit die geringsten Sorgen bereiten.

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