Fußball-WM: Es muss auch kleiner gehen

Blog10. Juli 2014, 05:30
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Der Bau von zwölf WM-reifen Stadien überfordert fast jedes Austragungsland und bringt Wirtschaft und Gesellschaft nichts  

Selbst wenn Brasilien nicht von Deutschland im Halbfinale vernichtet worden wäre, hätte die Fußball-WM für das Gastgeberland kein Happy End gebracht. Denn schon vor dem ersten Anpfiff war es klar, dass ein Großteil der investierten Milliarden vergeudet sind - und das in einem Schwellenland, dass für vieles andere die Mittel benötigen würde.

Das ist allerdings nicht nur ein spezifisches Problem von Brasilien: Auch Südafrika hätte das Geld für die WM 2010 eher in Schulen und Spitäler stecken sollen. Auch Japan und Südkorea haben von ihrer Gastgeberrolle 2002 nur wenig gewonnen.

Und auch für Österreich hat die Europameisterschaft 2008 - außer der einzigen Teilnahme des Nationalteams an einer EM - viel gekostet und wenig gebracht. Für Wien war es nicht schlecht. Aber das Stadion in Klagenfurt war ein typischer Großereignisbau, der dreimal genutzt wurde und seither praktisch leer steht.

Zu viele Stadien

Das Hauptproblem von Welt- und Europameisterschaften, vor allem aber WMs, ist die große Zahl an Stadien, die benötigt werden. Kaum ein Land der Welt hat zehn oder zwölf Einrichtungen in der notwendigen Größe. Wer eine WM austragen will, muss Milliarden investieren, um neue Stadien zu bauen.

Und die werden in Städten errichtet, die aus gutem Grund keine großen Sporteinrichtungen haben - weil sie weder die Bevölkerung noch die Wirtschaftskraft haben, um sie längerfristig zu füllen. So entstehen sinnlose Riesenprojekte in Städten wie Manaus, Recife, Natal oder Klagenfurt.

Für die Autokraten in Russland oder Katar ist dies kein Problem. Sie geben ihre Ölmilliarden lieber für Prestigeobjekte als für die Bedürfnisse ihrer Bürger aus. Aber die Vergabe an solche Länder ist höchst unbefriedigend. Und wer soll 2026 - oder bereits 2022, wenn Katar die WM doch wieder verliert - nach den schrecklichen Erfahrungen Brasiliens noch austragen?

Vier bis sechs müssten reichen

Die Lösung kann nur sein: Zukünftige Europa- und Weltmeisterschaften müssen mit weniger Stadien auskommen. Für eine EM müssten vier reichen. Schließlich werden nie an einem Tag mehr als vier Spiele ausgetragen.

Theoretisch müsste das auch bei einer WM möglich sein - dass alle Spiele in vier großen Stadien ausgetragen werden statt in neun (USA 1994), zehn (Frankreich 1998 und Südafrika 2010), zwölf (Deutschland 2006 und Brasilien 2014) oder gar 20 (Japan und Südafrika 2002).

Und wenn vier angesichts vieler Teams und großer Fanzahlen nicht reichen, dann müssen es sechs tun. Aber mehr sollten auch relativ große, reiche Staaten wie Deutschland und Frankreich nicht für eine WM aufstellen.

Problem ist regionale Verteilung

Logistisch ist das sicher möglich und würde die Gesamtkosten einer solchen Veranstaltung deutlich verringern. Was zu kurz käme, wäre die regionale Verteilung.

Zahlreiche Provinzen und Städte würden sich laut beklagen, wenn nur die großen Bevölkerungszentren etwas von der Meisterschaft hätten. Und sie würden die Zentralregierung dazu drängen, ihnen auch ein Stück des Kuchens zu geben.

Aber genau dort liegt das Problem: Das Konzept, mit einer WM oder EM regionale Entwicklungspolitik zu betreiben, ist ein katastrophaler Fehler. Städte in der Peripherie brauchen keine überdimensionierten Stadien, die sie später niemals füllen können.

Dieser Druck treibt die Kosten hinauf und zerstört damit letztlich die ökonomische und politische Basis solcher Sportereignisse - und damit auch die Freude eines Landes an der Gastgeberrolle. (Eric Frey, derStandard.at, 10.7.2014)

  • Das Stadion von Manaus ist ein millionenteurer Neubau, der in Zukunft kaum noch gefüllt werden kann.
    foto: apa/epa/jeon heon-kyun

    Das Stadion von Manaus ist ein millionenteurer Neubau, der in Zukunft kaum noch gefüllt werden kann.

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