Rassisten, Nackte, Utopien

9. Juli 2014, 18:49
22 Postings

"Der Rassist in uns": Fernsehtrend Menschen in Extremsituationen, Selbsterfahrung in der Gruppe

Wien - Björn hat Pech. Er hat blaue Augen, und das ist im vorliegenden Fall eindeutig ein Nachteil. Blauäugige seien "undemokratisch", "unintelligent" und "reagieren in Konfliktsituationen anders", trichtert Jürgen Schlicher seinem Publikum ein. Schlicher wird als "Antirassismusexperte" vorgestellt und leitet das Experiment "Der Rassist in uns", Donnerstag, 22.15 Uhr, ZDF neo.

Seine Zuhörer unterscheiden sich in einem Merkmal von den Blauäugigen: Ihre Augenfarbe ist braun, und das reicht, sich überlegen und mächtig zu fühlen und andere herabzusetzen und zu demütigen. Zusammen sollen sie beweisen, was aus berühmten Experimenten von Milgram bis Eliott bekannt sein dürfte: "Keiner ist davor gefeit, in die Opferrolle zu geraten oder Täter zu werden." So lautet die Zielvorgabe, und die wird zügig umgesetzt. Björn und die anderen Unglücklichen erleben in den nächsten 75 Minuten ihr blaues Wunder.

Der letzte Schrei

Wie Björn geht es im Moment ganz vielen Protagonisten im Fernsehen. Das soziale Experiment ("social factual") ist gerade der letzte Schrei im TV-Geschäft.

Es reicht offenbar nicht mehr allein, sich in Containern zusammenzurotten, ekelhafte Schleimspeisen zu schlabbern oder Laiendarsteller vor den Kadi zu zerren. Jetzt geht es um die Selbstfindung, und wie man diese inszenieren kann, damit es möglichst echt wirkt. Denn das erklärte Streben des Formatfernsehens hat sich seit "Big Brother" nicht geändert: jenes nach uneingeschränkter Authentizität - das "Echte" ist gefragt. Beinahe gruppentherapeutisch muten die Programme an, mit denen versucht wird, das zu erreichen:

> In "Utopia" bauen 15 Menschen ein Jahr lang ihre ideale Gesellschaft. In den Niederlanden verfolgte regelmäßig ein Millionenpublikum das Experiment. Sat.1 sicherte sich die Rechte.

> Ebenfalls aus den Niederlanden stammt "Adam sucht Eva": Frau und Männer und sonst nichts - vor allem aber keine Gewänder. Die Kandidaten hüpfen nackt durch die Insellandschaft.

> Ums nackte Überleben geht es in "Naked and Afraid". Discovery schickt einen Mann und eine Frau 21 Tage hüllenlos in die Wildnis. Gleich 42 Tage müssen acht Kandidaten in "Survival Life" überleben, gnädigerweise.

> Schauen, was passiert, kann man bei "Married at First Sight": Sechs tapfere Kandidaten heiraten beim ersten Treffen, in Dänemark ein Quotenhit. Sat.1 will das mit acht Kandidaten im nächsten Winter zeigen.

> Geradezu unverschämt normal wirkt "Famous in 12" von CW. Die Serie schickt eine Familie nach London, diese wird zwölf Wochen rund um die Uhr beobachtet. Deren Ziel: berühmt sein.

> Hart an der Grenze ist das norwegische "Drunk". In einer Laborsituation betrinken sich Kandidaten und belegen taumelnd die Wirkung von Alkohol.

Der Erkenntnisgewinn dürfte am Ende bei allen bescheiden ausfallen. In "Der Rassist in uns" setzen sich die Teilnehmer abschließend zusammen und sprechen über Erfahrungen im Workshop. Die Experten zeigen Möglichkeiten auf, wie man im Alltag gegen Diskriminierung vorgehen kann. Und falls das nicht funktioniert, gäb's ja noch immer "Utopia". (Doris Priesching, DER STANDARD, 10.7.2014)

  • Kandidaten hüpfen nackt durch die Insellandschaft: "Adam und Eva", noch so ein Experimentierfeld des Fernsehens.
    foto: reerwer

    Kandidaten hüpfen nackt durch die Insellandschaft: "Adam und Eva", noch so ein Experimentierfeld des Fernsehens.

Share if you care.