Nach dem schlimmsten Tag

9. Juli 2014, 17:52
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Nach dem Platzen des Traums vom Titel wird in Brasilien über die möglichen Folgen diskutiert - weniger sportlicher als politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Natur

Die Zeitung Folha de São Paulo kannte nach dem Spiel nur ein Wort: "Massakriert" prangte in schwarzen Buchstaben auf dem Titelblatt. Auch die ansonsten so wortgewaltigen brasilianischen Kommentatoren rangen nach der historischen Niederlage der Seleção verzweifelt um Worte. "Ein Trauma, eine nationale Tragödie", kommentiert der TV-Sender Globo das 1:7 des Gastgebers gegen Deutschland.

Die Fassungslosigkeit ist umso größer, als vor dem Spiel der Zusammenhalt und Wille der Mannschaft trotz des Ausfalls von Neymar überbetont worden war. Ja selbst nach dem 0:1 hallte es noch "Viva Brasil" und "Wir glauben an euch" durch das Stadion Minerão in Belo Horizonte. Der völlige Zusammenbruch der Mannschaft von Luiz Felipe Scolari traf die Fans im Stadion, im ganzen Land dann mit doppelter Wucht. Manche machten ihrem Frust durch zum Teil obszöne Beschimpfungen der nicht anwesenden Staatspräsidentin Dilma Rousseff Luft. Es waren Ausnahmen, wie auch Ausschreitungen aus Wut Ausnahmen blieben. In São Paulo und Curitiba wurden Busse angezündet und Geschäfte geplündert. In Belo Horizonte und Rio de Janeiro nahm die Polizei einige Randalierer fest.

Schockstarre

Insgesamt dominierte aber eine Art Schockstarre im Stadion, das sich schon zur Pause zum Teil geleert hatte, wie auch auf den Straßen des Landes. Wie bei der Mannschaft, allen voran Ersatzkapitän David Luiz, war auch bei den Fans Weinen und Kopfschütteln zu sehen. "Wir haben einfach nur schlecht gespielt. Da hätte auch Neymar nichts retten können", lautete der Tenor. Und allgemein schlich sich ins Bewusstsein, dass ein Traum, den das Land seit etlichen Jahren geträumt hatte und der eine äußerst heterogene Gesellschaft geeint hatte, ein jähes Ende gefunden hat.

Präsidentin Rousseff, die oft unterkühlt wirkt, dürfte wie schon nach Neymars Ausfall geschlossen haben, dass ein wenig Pathos nicht schaden könne, und twitterte ungewohnt emotional: "Es tut mir unendlich leid für uns Fans und für unsere Spieler. Aber lassen wir uns nicht unterkriegen. Brasilien, steh auf, schüttel den Staub ab und geh vorwärts."

Die Mannschaft bedarf dieser Aufforderung wohl in besonderem Maße. "Mich interessiert der erste Platz, und wenn es nicht der erste ist, dann ist mir alles andere egal", sagte Dani Alves vom FC Barcelona, während der WM zum Ersatzspieler degradiert.

Coach Scolari, der an seiner Mission gescheitert ist und nach dem Turnier als einfacher Weltmeister von 2002 abtreten wird, konnte ebenfalls noch nicht an Brasília denken, wo es am Samstag für die Seleção zum vierten Mal in ihrer WM-Geschichte um den dritten Platz geht.

"Das Leben geht weiter, auch mein Leben geht weiter", sagte der 65-Jährige. Wenn er aber zurückblicke auf sein Leben "als Fußballspieler, als Trainer und als Sportlehrer, dann war das der schlimmste Tag meines Lebens."

Pfeifen im Wald

Die Frage ist, was Präsidentin Rousseff sagen wird, Anfang Oktober, wenn sie nach den Wahlen, für die Mitte August die heiße Kampagnenphase beginnen soll, zurückblickt auf den 8. Juli. Die historische Schande schalte ein Warnsignal bei der Regierung ein, schrieb Folha de São Paulo . "Die WM ist die WM. Im August wird das Klima ein anderes sein. Jetzt ist der Augenblick der Reinigung und des Leidens, aber im August wird eine andere Seite aufgeschlagen sein. Die Wahl ist ein anderes Kapitel", sagte Präsidialamtsminister Gilberto Carvalho in einem Interview mit der Zeitung Estado de S. Paulo. Das klang wie das Pfeifen im Wald, obwohl die jüngsten Umfragen Rousseff einen klaren Vorsprung vor ihren Herausforderern zugestehen.

Vor dem fatalen Halbfinale hatte Rousseff übrigens bestätigt, am Sonntag im Maracanã-Stadion zusammen mit Fifa-Präsident Joseph S. Blatter die WM-Trophäe, die Spaniens Ex-Kapitän Carles Puyol und Topmodel Gisele Bündchen auf den Platz bringen, dem Kapitän der siegreichen Finalmannschaft zu übergeben. Das wird eine harte Prüfung. (Susann Kreutzmann aus São Paulo, DER STANDARD, 10.7.2014)

  • Ersatzkapitän David Luiz, das Fleisch gewordene Elend der Seleção, konnte nur um Verzeihung bitten: "Ich wollte dem Volk von Brasilien Freude bereiten, das haben wir nicht geschafft."
    foto: ap/ themba hadebe

    Ersatzkapitän David Luiz, das Fleisch gewordene Elend der Seleção, konnte nur um Verzeihung bitten: "Ich wollte dem Volk von Brasilien Freude bereiten, das haben wir nicht geschafft."

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