Zu den Waffen greifen

Kolumne9. Juli 2014, 17:46
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Bundespräsident Joachim Gauck hinterfragte vor kurzem die außenpolitische Zurückhaltung des eigenen Landes. Die Vorstellung, dass Deutschlands Militär nicht nur den Frieden sichert, sondern aktiv in Konflikte eingreift, ist unerträglich

Die Welle des Nationalismus, die in den letzten Jahren über Europa dahinrollte, hat interessanterweise ein Land nicht berührt, das - nicht nur im Fußball - stärkste und erfolgreichste des Kontinents: Deutschland. Dort gibt es, im Gegensatz zu fast allen anderen EU Ländern, keine einzige nennenswerte nationalistische Partei, und nirgends anders sind Rechtsradikalismus und Militarismus so dezidiert out wie im Ursprungsland der Nazibewegung. Die Deutschen haben aus der Geschichte gelernt. Europa, so lautet der Konsens, ist wichtiger als Deutschland. Eine Akzentverschiebung in Richtung Nation orten die Beobachter aber jetzt ausgerechnet bei der wichtigsten moralischen Autorität im Lande, beim Bundespräsidenten.

Joachim Gauck, der evangelische Pfarrer aus dem Osten, hat vor kurzem mit einer Äußerung aufhorchen lassen, die manche in den falschen Hals bekommen haben. Die Deutschen, mahnte das Staatsoberhaupt, sollten möglicherweise ihre außenpolitische Zurückhaltung überdenken. Diese war in den vergangenen Jahrzehnten geboten, könnte heute aber abgelegt werden. Deutschland könnte ruhig mehr internationale Verantwortung übernehmen. Und wenn es um die Menschenrechte ginge, sei es manchmal auch geboten, zu den Waffen zu greifen.

Mehr hatte Gauck nicht gebraucht. Berliner Jugendliche riefen "Hau ab, Kriegstreiber". Ein Abgeordneter nannte den Bundespräsidenten einen "widerlichen Kriegshetzer". Karikaturisten zeichneten ihn mit Pickelhaube. Dass ein deutscher Spitzenpolitiker, wenn auch vorsichtig, forderte, deutsche Soldaten sollten bei internationalen Konflikten nicht nur Friedenssicherung betreiben, sondern militärisch eingreifen und schießen, war ein Tabubruch. Dieselbe Nation, die im vorigen Jahrhundert die halbe Welt mit Krieg überzogen hatte, sollte nun wieder "zu den Waffen greifen"? Unerträgliche Vorstellung.

Joachim Gauck war einst der Präsidentschaftskandidat der Sozialdemokraten. Die Süddeutsche Zeitung nannte ihn einen Präsidenten mit zwei Seelen, einer konservativen und einer grünen. Dass er Krieg und Holocaust verharmlose, kann ihm niemand vorwerfen. Er war der erste deutsche Bundespräsident, der sich in Griechenland bei den Griechen für das Massaker entschuldigte, das die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg dort angerichtet hatte. Aber er war in der Schlussphase der DDR einer der wenigen Regimegegner, die offen für die Wiedervereinigung eintraten. Die meisten wünschten sich damals eher eine bessere DDR. Die Nation war für diesen Mann immer ein hohes Gut. Und heute will er dieses Gut eben auch in einem höheren Maß an nationaler Verantwortung verwirklicht sehen.

Es ist gut, dass in den letzten Jahrzehnten der zerstörerische Nationalismus der Zwischenkriegszeit in Europa zurückgedrängt und diskreditiert worden ist. Aber die letzten Europawahlen haben gezeigt, dass die Idee der Nation in den Köpfen der Europäer immer noch lebt, in destruktiven und weniger destruktiven Erscheinungsformen. In Deutschland hat diese Idee einen demokratisch untadeligen Befürworter gefunden. Dass Joachim Gauck mit seinem Plädoyer für mehr nationale Verantwortung eine Debatte losgetreten hat, zeigt, dass er einen neuralgischen Punkt getroffen hat. Man kann davon ausgehen, dass die Debatte noch nicht zu Ende ist. (Barbara Coudenhove-Kalergi, DER STANDARD, 10.7.2014)

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