Merkels Handy "ist eine laufende Telefonkonferenz"

9. Juli 2014, 14:04
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Transatlantik-Experte hält Vermutung, dass nur USA Deutschland ausspionieren, für naiv

Das deutsche Verhalten in der neuen Spionageaffäre ist nach Ansicht des Transatlantik-Experten Dan Hamilton naiv. Die Vermutung, dass nur die USA die Deutschen ausspionieren würden, hält der Amerikaner für unrealistisch. Mit der deutschen Nachrichtenagentur dpa sprach er über die jüngsten Vorwürfe Berlins gegen die USA, das Handy von Bundeskanzlerin Angela Merkel und eine neu aufgerissene Wunde.

dpa: Wie bewerten Sie die neuen Enthüllungen, nach denen ein Spion beim BND Dokumente an die US-Geheimdienste weitergegeben haben soll?

Hamilton: Es ist keine gute Situation. Die früheren Enthüllungen (über den US-Geheimdienst NSA) haben wirklich eine Wunde hinterlassen. So ein Vorfall reißt die Wunde wieder auf und öffnet den Schorf.

dpa: Ist die Empörung in Deutschland angemessen?

Hamilton: Der intensive Fokus auf die USA, dass wir die einzigen sind, die Deutschland ausspionieren, ist etwas aus dem Gleichgewicht. Glauben die Deutschen wirklich, dass die Franzosen es nicht tun? Sie sind direkt nebenan. Und darüber wird nicht diskutiert. Die Russen und die Chinesen sind in Deutschland aktiv.

dpa: Halten Sie die deutsche Reaktion für weltfremd?

Hamilton: Ich sage meinen deutschen Freunden: "Ihr seid sehr naiv. Ihr müsst über diese Fragen nachdenken." Angela Merkels Handy ist eine laufende Telefonkonferenz, weil jeder ihr Handy abhört. Sie hat sich entschieden, kein sicheres Telefon zu benutzen. Präsident (Barack) Obama wollte sein Handy behalten, aber die US-Geheimdienstbehörde hat gesagt: "Herr Präsident, dazu haben Sie nicht die Befugnis."

dpa: Er musste also auf sein bevorzugtes Handy verzichten.

Hamilton: In Deutschland haben sie ihr das Handy nicht weggenommen. Es könnte ein Verstoß gegen deutsches Recht sein, dass die Kanzlerin solch eine unsichere Telefonleitung hat. Aber niemand traut sich, ihr das zu sagen. Ernsthaft, glauben sie wirklich, dass die Amerikaner die einzigen sind, die ihr Handy abhören? Das ist einfach seltsam.

dpa: Woher kommt die allergische Kritik gegen die USA?

Hamilton: Es hat mit der Nachkriegsgeschichte zu tun. Die USA waren Deutschlands größter Verbündeter und Freund. Die Auffassung von Freundschaft wohnte den beiden deutschen Nachkriegs-Generationen inne. Aber wenn man über die jüngere Generation nachdenkt, die in den letzten 15 Jahren oder weniger aufgewachsen ist, gibt es eine Reihe schrecklicher Wechselwirkungen. Die ganzen Geheimdienst-Sachen. Der Irak-Krieg. Die riesige Debatte.

dpa: Müssen die Deutschen mit Blick auf die USA umdenken?

Hamilton: Es gibt eine wichtige Generationenfrage. Die Vorstellung, dass Freunde einander nicht ausspähen. Es gibt auch ein Erbe der Abhängigkeit. Sie haben sich so lange auf die USA verlassen. Und es gab beim Mauerfall eine Vorstellung, dass die Bedrohungen in Europa ebenfalls verschwunden waren. Die Ukraine-Krise hat dieses Verständnis ziemlich herausgefordert, aber nicht genug. (APA/dpa, 9.7.2014)

Dan Hamilton ist Direktor des Center for Transatlantic Relations in Washington, das der Johns Hopkins Universität in Baltimore (Maryland) angegliedert ist und zu einem der wichtigsten Thinktanks der USA gehört. Er besetzte eine Reihe hochrangiger Posten im US-Außenministerium und war dort unter anderem für Europa und Transatlantik-Fragen zuständig. Er war Berater des US-Botschafters in Deutschland, hat an mehreren Hochschulen unterrichtet und mehr als ein Dutzend Bücher über Außenpolitik verfasst.

  • "Angela Merkels Handy ist eine laufende Telefonkonferenz, weil jeder ihr Handy abhört."
    foto: ap photo/dpa, julian stratenschulte

    "Angela Merkels Handy ist eine laufende Telefonkonferenz, weil jeder ihr Handy abhört."

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