Israel reagiert auf anhaltendes Raketenfeuer mit weiteren Luftangriffen

10. Juli 2014, 05:57
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Hamas-Rakete schlug 120 Kilometer von Gazastreifen entfernt ein - Angriff auf Nuklearanlage Dimona - Zahlreiche Tote in Gaza seit Beginn der israelischen Operation

Jerusalem/Gaza - Erstmals seit dem Gaza-Krieg Ende 2012 haben militante Palästinenser wieder Jerusalem und Tel Aviv mit Raketen angegriffen. Dort heulten am Dienstagabend und am Mittwoch die Sirenen. Sogar knapp 120 Kilometer vom Gazastreifen entfernt schlug ein Geschoß ein, so weit hatten militante Palästinenser nie zuvor eine Rakete geschossen.

Gleichzeitig stieg die Zahl der Toten im Gazastreifen nach massiven israelischen Luftschlägen. Seit Beginn der israelischen Offensive gegen Ziele im Gazastreifen am Dienstag wurden laut dem Gesundheitsministerium in Gaza 68 Menschen getötet. Mehr als 400 seien verletzt worden, sagte der Ministeriumssprecher. Etwa zwei Drittel davon seien Zivilisten. Der UN-Sicherheitsrat berät am Donnerstag über den Nahostkonflikt.

In der Nacht auf Donnerstag seien sieben Zivilisten bei einem israelischen Luftangriff auf Khan Junis im südlichen Gazastreifen ums Leben gekommen, berichteten Sanitäter und Sicherheitskräfte nach Angaben der dpa. Der Nachrichtenagentur AFP zufolge, kam das siebente Opfer laut Rettungskräften bei einem Luftschlag in Nusseirat im Zentrum des Palästinensergebiets ums Leben. Die Hamas sprach insgesamt von zehn Toten.

Radikale Palästinensergruppen feuerten auch in der Nacht auf Donnerstag in dichter Abfolge Raketen auf Israel. Erneut wurden auch Langstreckenraketen eingesetzt, die tief im israelischen Kernland einschlugen und Zehntausende Menschen in Luftschutzkeller zwangen. Berichte über tote oder verletzte Israelis gab es nicht.

Angriff auf Israels Atomzentrum

Zwei aus dem Gazastreifen abgefeuerte Raketen sind am Mittwoch nach Armeeangaben in der Nähe der israelischen Atomanlage Dimona eingeschlagen. "Palästinensische Terroristen" hätten insgesamt drei Geschosse auf die Stadt Dimona in der Negev-Wüste abgefeuert, teilte das israelische Militär am Abend mit.

Zwei Raketen seinen in offenem Gebiet niedergegangen, eine weitere vom israelischen Abwehrsystem "Eiserne Kuppel" abgefangen worden.

Der bewaffnete Arm der radikalislamischen Palästinenserorganisation Hamas, die Essedin-al-Kassam-Bridgaden, erklärte, er habe drei Raketen vom Typ M75 auf Dimona abgefeuert. Es handelt sich dabei um Geschosse, die im Gazastreifen selbst hergestellt werden und eine Reichweite von rund 80 Kilometern haben.

Israel hat zwei Atomreaktoren, einer steht in Dimona in der Negev-Wüste und der andere in einer Forschungseinrichtung in Nahal Sorek, westlich von Jerusalem. Das Land gilt schon lange als Atommacht und verfügt Expertenschätzungen zufolge über etwa 200 Atomsprengköpfe. Die israelische Regierung lehnt aber eine offizielle Stellungnahme zu der Frage ab. Israelische Wissenschafter und Politiker fordern schon seit langem die Schließung der rund 50 Jahre alten Anlage in Dimona, weil sie durch ihr Alter ein erhöhtes Unfallrisiko aufweisen könnte.

"Völkermord"

Der palästinensische Präsident Mahmoud Abbas hat Israel wegen der Luftangriffe auf Ziele im Gazastreifen am Mittwoch "Völkermord" vorgeworfen. "Das ist ein Völkermord. Die Ermordung ganzer Familien ist ein Völkermord, den Israel an unserem palästinensischen Volk verübt", sagt Abbas nach einem Krisentreffen der palästinensischen Führung in Ramallah.

EU und USA warnten vor einer weiteren Eskalation und forderten die Konfliktparteien zur Mäßigung auf. Ziel müsse eine Waffenruhe sein.

Rekordreichweite von Rakete

Israel will mit der in der Nacht auf Dienstag gestarteten Offensive "Zuk Eitan" (Fels in der Brandung) den ständigen Raketenbeschuss seiner Städte unterbinden. Insgesamt seien rund vier der acht Millionen Menschen in Israel durch Raketen aus dem Gazastreifen bedroht, sagte ein Armeesprecher. Berichte über Opfer in Israel gab es bisher nicht.

Zum ersten Mal schlug in Hadera nördlich von Tel Aviv eine Rakete ein - die Küstenstadt ist knapp 120 Kilometer vom Gazastreifen entfernt. Das sei der Raketenangriff mit der bisher größten Reichweite gewesen, sagte eine Armeesprecherin. In der Vergangenheit waren vor allem Orte in einer Entfernung bis 40 Kilometer zum Gazastreifen angegriffen worden.

Vizeverteidigungsminister: Energielieferung unterbinden

Der israelische Vizeverteidigungsminister Danny Danon rief am Mittwoch die Regierung auf, umgehend Treibstoff- und Stromlieferungen in den Gazastreifen zu unterbinden.

Es sei unfassbar, "dass wir mit der einen Hand die Hamas bekämpfen und mit der anderen Treibstoff und Strom liefern, die dazu verwendet werden, Raketen zu transportieren, die auf uns abgefeuert werden", sagte der Likud-Politiker laut "Jerusalem Post".

Drei Kinder unter den Toten

Die Armee setzte in der Nacht auf Mittwoch ihre massiven Angriffe im Gazastreifen fort. Insgesamt seien 160 Ziele beschossen worden, teilte das Militär mit. Seit Beginn der Militäroperation hätten Luftwaffe und Marine 435 Ziele angegriffen. Zuletzt gab es Berichte, dass vier Palästinenser, darunter drei Kinder, bei einem israelischen Angriff getötet worden seien.

Militante Palästinenser im Gazastreifen hätten seit Dienstag 225 Raketen auf Israel abgefeuert. Davon habe die Raketenabwehr rund 40 abgefangen, teilte die Armee mit.

Sisi will sich für Waffenruhe einsetzen

In Tel Aviv selbst ging am Morgen das öffentliche Leben ungeachtet der Angriffe weiter. Die Geschäfte blieben geöffnet, der Verkehr floss, und die Börse eröffnete im Plus.

Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas kündigte für Mittwoch ein Krisentreffen seiner Regierung an. Ägyptens Präsident Abdelfattah al-Sisi habe Abbas am Telefon zugesichert, dass sich Ägypten für eine Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas einsetzen werde, berichtete der israelische Rundfunk.

Konkrete ägyptische Schritte wurden jedoch zunächst nicht bekannt. Die neue Regierung in Kairo ist der Hamas feindlich gesinnt. Sie hat die Abrieglung der ägyptischen Grenze zum Gazastreifen verstärkt, was die Auswirkung einer israelische Blockade intensiviert.

Abbas gehört zur Fatah, einer mit der Hamas rivalisierenden Palästinensergruppe, die das Westjordanland kontrolliert. Fatah und Hamas hatten im April ein international kritisiertes Abkommen zur Bildung einer Einheitsregierung geschlossen.

EU beunruhigt

Die EU reagierte extrem beunruhigt auf die Eskalation in Nahost. "Wir verfolgen die sich rasch verschlechternde Lage im Süden Israels und im Gazastreifen mit schwerer Besorgnis", sagte ein Sprecher der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton. Alle Seiten müssten "äußerste Zurückhaltung" üben und alles für eine sofortige Waffenruhe tun.

Die USA verurteilten die Raketenangriffe, Israel habe ein Recht auf Selbstverteidigung, sagte Regierungssprecher Josh Earnest. Er zeigte sich zugleich besorgt über die Sicherheit von Zivilisten auf beiden Seiten. Die US-Regierung hoffe, dass Israel einen "Kanal für Diplomatie" geöffnet lasse, um auf eine Waffenruhe oder eine Deeskalation der Lage hinzuwirken. Friedensgespräche zwischen beiden Seiten unter US-Vermittlung waren im April gescheitert.

USA: Zweistaatenlösung einzige Möglichkeit

US-Präsident Barack Obama betonte, dass die USA weiterhin eine Zweistaatenlösung für den einzigen Weg zu dauerhaftem Frieden in Nahost halten. "Die einzige Lösung ist ein demokratischer jüdischer Staat, der in Frieden und Sicherheit lebt, Seite an Seite mit einem existenzfähigen, unabhängigen Palästinenserstaat", schrieb er in einem Beitrag, der am Donnerstag in der Wochenzeitung "Die Zeit" erscheint. Die amerikanische Unterstützung für Israel bezeichnete Obama als nicht verhandelbar.

Die Arabische Liga forderte den UN-Sicherheitsrat in New York auf, eine Dringlichkeitssitzung wegen der Lage im Nahen Osten abzuhalten. (APA, 9.7.2014)

  • Die israelische Armee bombardierte das Grenzgebiet des Gazastreifens zu Ägypten.
    foto: ap/ali

    Die israelische Armee bombardierte das Grenzgebiet des Gazastreifens zu Ägypten.

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