Schland im siebten Himmel, Brasilien unter Schock

9. Juli 2014, 13:03
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Nach der historischen Demontage der Seleção im Halbfinale ist das von "Jogi bonito" geführte DFB-Team bemüht, nicht abzuheben und den letzten Schritt zum vierten Titel zu vollenden

Sieben zu eins! Während Deutschland mit großen Schritten und scheinbar unaufhaltsam auf den Gipfel des Fußball-Olymps zustürmt, steht Brasilien nach dem WM-Halbfinaldrama schwer unter Schock. Das DFB-Team hat die Seleção am Dienstagabend in Belo Horizonte regelrecht zerpflückt und derart gedemütigt, dass im Land des fünffachen Weltmeisters wohl selbst die bittere Finalschmach von 1950 in Vergessenheit gerät, als Uruguay vor mehr als 173.000 Zuschauern im Maracanã-Stadion mit 2:1 gewann und den Gastgebern den sicher geglaubten Titel wegschnappte.

Toni Kroos, Thomas Müller, Miroslav Klose und Co. legten die Schwächen des "Systems Scolari" schonungslos offen. Brasiliens Teamchef gab seinen überforderten Spielern wie Dante und David Luiz offensichtlich keinen tauglichen Plan mit, wie sie das flexible, schnelle und verwirrende Offensivspiel der DFB-Elf unterbinden können. Und so mutierten die stolzen Brasilianer vor den Augen der Welt zur Lachnummer.

"Wir bitten um Vergebung"

"Ich habe die schlimmste Niederlage in der Geschichte Brasiliens verschuldet, damit werde ich leben müssen", sagte Luiz Felipe Scolari fast emotionslos. Kühl nahm der als Choleriker bekannte Trainer die Halbfinal-Schmach hin. Seine Mission, 200 Millionen Brasilianern den Titel zu schenken, ist kläglich gescheitert. "Wir bitten um Vergebung bei der Bevölkerung, bitte entschuldigt diesen Fehler", sagte Scolari.

Scolaris Vertrag läuft nach der WM aus und wird natürlich nicht verlängert. Als Favorit auf seine Nachfolge gilt Tite, der frühere Trainer von Corinthians Sao Paulo, der unter anderem 2012 die Klub-WM im Finale gegen den FC Chelsea gewann. Doch egal wer den Job übernimmt, er muss wohl ein völlig neues Team um Superstar Neymar aufbauen.

DFB-Coach Joachim Löw wirkte nach dem größten Sieg seiner Karriere völlig cool. Er blieb bescheiden im Augenblick dieses Triumphs, in dem ihm der vernichtend geschlagene Trainerkollege das wohl schönste Lob aussprach. "Die deutsche Mannschaft", sagte Scolari, "hat brasilianisch gespielt, wir leider nicht." Das einstige "jogo bonito" der Selecao hatte die DFB-Auswahl bis zur Perfektion kopiert und damit am Ende eine ganze Nation in ein Tal der Tränen gestürzt und eine kollektive Trauer ausgelöst.

"Jogi bonito"

Während die ballesterische Welt nun von "Jogi bonito" schwärmt, haben die deutschen Ballzauberer nach dem magischen Abend von Belo Horizonte nur noch eines im Kopf, ihren vierten Stern. Zum ersten Mal seit der WM 2002 ist der WM-Titel wieder zum Greifen nah - und keiner will sich den Pokal nach dem unfassbaren Galaauftritt noch nehmen lassen.

Wie schmal jedoch der Grat zwischen Erfolg und Niederlage ist, weiß auch Löw, der im WM-Finale am Sonntag (21 Uhr MESZ) entweder die Krönung erfahren oder als Bundestrainer dastehen wird, der mit seiner "goldenen Generation" auch im vierten Anlauf keinen Titel gewonnen hat. Daher bleibt Löw auf dem Teppich: "Die Gefühle sind natürlich schön im Moment, klar. Wir haben gewonnen und sind im Finale. Wir sind den tiefen Emotionen und der Leidenschaft der Brasilianer mit Ausdauer, mit Ruhe, mit Klarheit und mit Beharrlichkeit begegnet."

Dass es ein Ergebnis in dieser Höhe geben würde, hatte wohl niemand erwartet. "Das war für den Gastgeber ein Schock. Spätestens nach dem 2:0 hat man gemerkt, dass die Brasilianer ein bisschen durcheinander waren. Das haben wir eiskalt ausgenutzt. Sie sind unter dem immensen Druck des Gastgebers dann auch eingebrochen", analysierte Löw trocken.

"Fußball von einem anderen Stern"

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach wollte sich bei aller Begeisterung und auch Fassungslosigkeit über den triumphalen Finaleinzug nicht lange mit dem Geschehenen aufhalten. "Das war Fußball von einem anderen Stern. Das ist historisch für den deutschen Fußball und für den Weltfußball", sagte er, um dann gleich festzustellen: Gewonnen sei noch nichts. "Jetzt wollen wir den nächsten Schritt machen. Der vierte Titel muss her", sagte der 63-Jährige.

Torjäger Thomas Müller, der mit seinem fünften Turniertreffer seine Ambitionen auf die Torjägerkrone unterstrich, bekräftigte deshalb nach dem Schützenfest gegen völlig desolate Brasilianer: "Wir müssen die Kirche im Dorf lassen." Der WM-Torschützenkönig von 2010 wies schon einmal darauf hin, worauf es am Sonntag ankommt: "Jetzt müssen wir noch einmal durchziehen, ackern und dann dieses Ding holen."

Dass mit Argentinien und den Niederlanden zwei starke Mannschaften der DFB-Auswahl noch einen Strich durch die Rechnung machen können, weiß er aber ebenso wie Löw: "Das wird ein ganz anderes Spiel, eine ungleich schwerere Aufgabe."

Twitter-Rekord

Der historische Erfolg ließ auch im Internet alle Dämme brechen. Der Kurznachrichtendienst Twitter verzeichnete mit 35,6 Millionen Tweets zum Spiel einen neuen Rekordwert für ein Sportereignis. Die alte Bestmarke von 16,3 Millionen Beiträgen aus dem Achtelfinale Brasilien - Chile (4:3 n. E.) vom 28. Juni wurde damit förmlich pulverisiert.

Bemerkenswert: Obwohl verletzt, wurden über Neymar mit Abstand die meisten Tweets abgesetzt (2,96 Millionen). Deutscher Spitzenreiter war der neue WM-Rekordtorjäger Miroslav Klose mit 639.150 Tweets. (sid, APA, honz, derStandard.at, 9.7.2014)

  • Tiefe Niedergeschlagenheit nach der historischen Schmach aufseiten der Brasilianer.
    foto: ap/ andre penner

    Tiefe Niedergeschlagenheit nach der historischen Schmach aufseiten der Brasilianer.

  • Grenzenloser Jubel aufseiten der verzückten Deutschen.
    foto: epa/daniel bockwolt

    Grenzenloser Jubel aufseiten der verzückten Deutschen.

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