Der Ball ist leider nicht genug

8. Juli 2014, 19:04
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Der burgenländische Landesligist Baumgarten haut den Hut drauf. Heuer gibt es im Dorf, aus dem Andreas Ivanschitz kommt, keine Spiele. 2015/16 will man ganz unten wieder anfangen

Baumgarten/Pajngrt - Stefan Hausmann lehnt sich zurück und denkt kurz über die Antwort auf die Frage nach, was denn seiner Ansicht nach zu tun wäre im österreichischen Fußball. Man hört es richtiggehend rattern in seinem Kopf. Zig schon längst formulierte Möglichkeiten arbeitet er da ab in Sekundenschnelle, hunderte Kritikpunkte schießen ihm dazwischen, wie das Weberschiffchen durch die Kettfäden, die ihrerseits für jene tausenden Gründe stehen, warum das nicht geht. "Ich weiß es auch nicht", sagt er schließlich.

Stefan Hausmann ist Obmann des renommierten burgenländischen Landesligisten ASK Baumgarten, der kroatischen Gemeinde Pajngrt. 1972 ist der Verein aufgestiegen ins pannonische Oberhaus. "Seither waren wir ein typischer Fahrstuhlverein." Mehr als die Hälfte der 42 Jahre verbrachte man in der Regionalliga Ost, der ASK Baumgarten ist also sowas wie ein Urgestein pannonischen Ballesterns.

Ende Juni aber schickte Hausmann ein Fax an den burgenländischen Fußballverband und tat kund, dass der ASK Baumgarten seinen Spielbetrieb "per sofort" einstellt. Man habe die Absicht, 2015/16 ganz unten wieder anzufangen. Ausschlaggebend dafür seien "wirtschaftliche und sportliche Gründe".

Im Kriminal

Das sagt sich leicht. Wer Stefan Hausmann dabei zusieht, wie es rattert in seinem Kopf, weiß allerdings, dass sich darin etwas durchaus Dramatisches schürzt. Nämlich die zunehmende Unmöglichkeit, in Österreich unterklassig Fußball zu spielen. "Man steht", sagt er, "mit einem Fuß im Kriminal." Im letzten Drittel der Saison sei es immer darum gegangen, die systemische Budgetlücke zu schließen. "Ich hab immer gesagt, ich bin kein guter Obmann, weil ich kein Geld hineinschießen kann."

Der Verband sei bloß noch für sich selber da. Der Nachwuchs in der 900-Einwohner-Gemeinde werde schütterer, "wenn wir aber nicht genug Nachwuchsteams stellen, müssen wir Strafe zahlen". Die Krankenkasse stieg immer heftiger hinein. Da würden absurde Gehaltsfantasien der Einschätzung zugrunde gelegt, die allerdings so absurd auch wieder nicht seien. "Manche Vereine zahlen ja tatsächlich astronomische Gehälter." Baumgarten habe versucht, sich da zurückzuhalten, "wir haben uns eher im unteren Drittel bewegt". Aber grundsätzlich verzerre die Honorarspreitzung auch in dieser Liga das Ganze zur Groteske, weshalb er für radikale Amateurisieren wäre. "Nachgewiesene Fahrtkosten sollen ersetzt werden, mehr nicht." Steuer und Kasse müssten sich dann quasi brausen gehen. Und abgehalfterte Abzocker im ausklingenden Ballestererleben halt auch.

Auch am anderen Ende der Altersskala spießt es sich. Die theoretisch gut ausgebildeten Jungen drängen aus den Akademien auf den Markt, "aber die haben dort nie gegen Männer gespielt", weshalb sie manchmal verzweifeln im richtigen Leben mit seinen oft hinterfotzigen Mätzchen.

Baumgarten ist bis nach Valencia ein Begriff. Andreas Ivanschitz hat hier das Kicken erlernt. Lukas Rotpuller ebenso. Mit solchen Spielern hätte auch der Stammverein verdienen können. Die offizielle Ausbildungsentschädigung umschreibt Hausmann allerdings so, dass der Standard jetzt nicht umhin kann, sie despektierlich einen Nasenrammel zu nennen. "Und erst beim Transfer ins Ausland haben wir was gekriegt." Bei Transfers in Österreich schaue man durch die Finger.

Baumgarten, schwört sein Obmann, gehe es nicht nur den Umständen entsprechend, sondern eh gut. Deshalb habe man sich das Aufhören ja leisten können. "Hätten wir Schulden gehabt, wär das nicht gegangen." (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, 9.7.2014)

  • Andreas Ivanschitz ist Pajngrts größter ballesterischer Sohn und schlüpfte zuweilen sogar in die Montur eines Kapitäns von Österreich.
    foto: ap/ hans punz

    Andreas Ivanschitz ist Pajngrts größter ballesterischer Sohn und schlüpfte zuweilen sogar in die Montur eines Kapitäns von Österreich.

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