Mediawatch: Großkoalitionäre ORF-Nachrichten

8. Juli 2014, 17:32
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Wer kam im ersten Halbjahr zu Wort in Österreichs meistgesehenen Infosendungen? Nach TV-Sekunden liegt die ÖVP knapp vor Koalitionspartner SPÖ. Aber nicht jede TV-Sekunde muss auch willkommen sein - siehe Hypo Alpe Adria und Budgetloch

Wien - Kärntens Landeshauptmann Peter Kaiser hätte auf die Führungsposition wohl auch gern verzichtet: Er kam im ersten Halbjahr 2014 unter allen Länderchefs bei weitem am längsten zu Wort - in der "Zeit im Bild" um 19.30 Uhr, in der ZiB 2 und in der ZiB 24. Wesentliches Thema: Hypo Alpe Adria und die Folgen.

Burgenlands Hans Niessl auf Platz zwei der Regionalliga im Bundes-TV hätte vermutlich gerne weniger zu Vorwürfen Stellung genommen, deretwegen "Profil" in erster Instanz verurteilt wurde.

Die Schwerstgewichte unter den Länderchefs - Wiens roter Michael Häupl und Niederösterreichs schwarzer Erwin Pröll - konzentrieren ihre Auftritte auf quotenstärkste Nachrichten im Land. Praktischerweise bietet diese Zeit im Bild auch weit weniger Raum für kritisches Hinterfragen als die ZiB 2.

Faymann auf Platz eins in der "Zeit im Bild"

Das Prinzip schätzt augenscheinlich auch Werner Faymann: Der Kanzler und SPÖ-Chef ist weiterhin nicht unter den Top 15 in der ZiB 2 zu finden. In der "Zeit im Bild" aber liegt er mit 757 Sekunden im ersten Halbjahr klar auf Platz eins vor Vize Michael Spindelegger und Außenminister Sebastian Kurz, beide ÖVP.

Parteichef Spindelegger kam in der ZiB 2 am längsten zu Wort; in der ZiB 24 ÖVP-Generalsekretär Gernot Blümel.

In allen drei ZiBs, die APA Defacto für den STANDARD auswertet, liegt die ÖVP knapp vor der SPÖ. Über alle drei gerechnet kam Spindelegger im ersten Halbjahr am längsten zu Wort.

Die Regierungsparteien bestreiten in der meistgesehenen Zeit im Bild knapp 70 Prozent der O-Töne von Politikern; die Opposition gemeinsam 30 Prozent. Gegen Mitternacht kommen FPÖ, Grüne, Neos, Stronach auch im ersten Halbjahr 2014 länger zu Wort.

Sommergespräche

Einen anderen, womöglich nicht so klassisch politischen Zugang versucht der ORF bei den Sommergesprächen. Peter Resetarits war zwar Redakteur des Inlandsreport, er ist aber lange schon als Bürgeranwalt positioniert. Bürgerforen waren in der ORF-Geschichte (regierungs)politisch erwünschte Formate.

Resetarits will sich laut ORF um "klare, kompakte, verständliche Antworten der Politiker" bemühen; er sehe sich als "Dolmetscher zwischen politischer Rhetorik und konkreten Bürgeranliegen".

Die Sommergespräche laufen montags um 21.05 Uhr ab 11. August, die Chefs von ÖVP und SPÖ fallen damit, wie gemeinhin beliebt, deutlich in den quotenstärkeren September. Damit Spindelegger nicht gegen das EM-Qualifikationsspiel Österreich - Schweden anreden muss, darf er auf Dienstag, 9. September, ausweichen. (red, DER STANDARD, 9.7.2014)

  • Spindelegger kam in der "ZiB 2" am öftesten zu Wort, Faymann in der "Zeit im Bild" um 19.30 Uhr.
    foto: apa/schlager

    Spindelegger kam in der "ZiB 2" am öftesten zu Wort, Faymann in der "Zeit im Bild" um 19.30 Uhr.

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