Chronik eines angekündigten Burg-Desasters

8. Juli 2014, 17:33
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Egal ob Minister oder Aufsichtsrat: Alle wussten über die Finanzsituation des Burgtheaters Bescheid. Auch Matthias Hartmann war klar, worauf er sich einließ, als er 2006 bestellt wurde. Und alle haben zugeschaut

Wien - Die Geschichte des Desasters begann vor vielen Jahren, im vergangenen Jahrtausend. Viktor Klima musste 1996, als Finanzminister, feststellen, dass die Bundestheater den vertretbaren Subventionsplafond erreicht hatten. Die Beamten schrieben Überstunden ohne Ende, die Personalkosten waren explodiert, es brauchte dringend neue Kollektivverträge.

Ein Jahr später, als "Kunstkanzler", betrieb Klima (SPÖ) daher die Ausgliederung des Verbandes in eine Holding mit vier Töchtergesellschaften (für die Staats- und die Volksoper, das Burg- samt dem Akademietheater und für die Werkstätten). An der neuen Struktur arbeiteten neben Bundestheatergeneralsekretär Georg Springer und dessen Stellvertreter Josef Kirchberger (SPÖ) auch Thomas Drozda, heute Generaldirektor der Vereinigten Bühnen Wien, und Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ), heute Wiener Kulturstadtrat, mit.

Die Ausgliederung sollte im Herbst 1999 erfolgen. Im Gesetzesentwurf, der im Mai 1998 vorlag, wurde die "Basisabgeltung" mit 1,84 Milliarden Schilling wertgesichert festgeschrieben. Doch dann passierte der entscheidende Fehler: Man strich das Wort "wertgesichert". Die Subvention, umgerechnet 133,65 Millionen Euro, wurde jahrelang nicht angehoben.

Mit Beginn der Ausgliederung übernahm Klaus Bachler die Direktion der Burg, Thomas Drozda, der Sekretär von Klima, die Geschäftsführung. Springer wurde Chef der Holding, Kirchberger Geschäftsführer der Servicegesellschaft. Man hatte es sich gerichtet.

Dann, im Februar 2000, kam die Wende. Und Springer, dem man bis dahin eine Nähe zu den Sozialdemokraten unterstellen konnte, bewies sich als Wendehals. Ihm ging es wohl auch um eine Verlängerung seines eigenen Vertrages. In erster Linie aber kämpfte er bei den neuen Verantwortlichen - Kanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) und Staatssekretär Franz Morak - um mehr Geld für die Theater.

Die ersten finanziellen Probleme des Burgtheaters wurden bereits Ende 2001 bekannt. Schüssel versicherte, sich bei Budgetverhandlungen für eine Erhöhung der Basisabgeltung einzusetzen. Springers Wunsch war eine Anhebung um 5,5 Prozent (7,27 Millionen Euro). Doch nichts geschah. Das Geschäftsjahr wurde positiv abgeschlossen, Morak (ÖVP) warf Springer "Panikmache" vor.

Aber der Holding-Chef behielt recht: Im Geschäftsjahr 2002/03 machte das Burgtheater erstmals Verluste. Das Defizit war nicht hoch (140.000 Euro), und man hatte noch Verantwortungsgefühl: Bachler reduzierte die Zahl der Premieren von 24 in der Saison 2000/01 auf nur 16.

Trotz rigider Sparmaßnahmen verschlimmerte sich die Situation: Für die Saison 2004/05 war im Falle des Burgtheaters ein Defizit in der Höhe von 1,8 Millionen Euro unvermeidlich. Der Volksoper ging es ähnlich schlecht. Der Aufsichtsrat genehmigte daher im Sommer 2004 das Budget nicht. Danach lief seine Periode aus.

Finanzieller Crash vor Augen

Der Unternehmensberater Deloitte & Touche, der die Bundestheater im Auftrag von Morak durchleuchtet hatte, gelangte zum Schluss, dass "eine Anhebung der Basisabgeltung angebracht" sei. Im Oktober 2004 stand jedoch fest, dass die Subvention auch in den nächsten zwei Jahren "gedeckelt" bleibt. Es gab noch keine neuen Aufsichtsräte, Bachler erfüllte seinen kulturpolitischen Auftrag - wissend, dass dies zum finanziellen Crash führt: Notfalls müsse ein Haus aufgegeben werden.

Im Sommer 2005 beschloss der neue Aufsichtsrat die Budgets für die kommenden zwei Saisonen - unter der Voraussetzung, dass die fehlenden Beträge von 2,2 bzw. zwei Millionen Euro von der Holding ausgeglichen werden.

Und dann, Mitte Juni 2006, präsentierte Morak Matthias Hartmann als Nachfolger von Bachler ab dem Herbst 2009. Auf die Frage, wie er die finanzielle Lage einschätze, sagte der Regisseur: "Jeder Intendant, der sagt, er hat genug Geld, ist ein Trottel. Aber im internationalen Vergleich sieht es so aus, als wäre das machbar." Er wusste, worauf er sich einließ.

Die Finanzlage wurde immer prekärer. Im Februar 2007 forderte Springer eine Anhebung der Basisabgeltung um zehn Millionen Euro. Morak war bereits Geschichte, aber auch Kulturministerin Claudia Schmied (SPÖ) bewirkte nicht viel. Im Februar 2009 prognostizierte Springer in seinem Holding-Lagebericht für 2009/10 ein Defizit von 18,7 Millionen Euro. Auch deshalb, weil Hartmann in seiner ersten Saison ein Premierenfeuerwerk zündete.

Alle wussten von der desaströsen Lage: die Aufsichtsräte, die Geschäftsführer, die Ministerin und deren enge Mitarbeiter. Florian Schulz, ihr Referent, und Michael Franz, der für die Bundestheater zuständige Sektionsleiter, gaben im März 2009 eine umfangreiche Evaluierung in Auftrag. Sie kennen die Ergebnisse - und sind nach wie vor im Amt (Schulz arbeitet seit diesem Jahr für SPÖ-Kunstminister Josef Ostermayer).

Jede fünfte Regie vom Chef

Im Mai 2011 lieferte Ernst & Young die Effizienzanalyse ab. Sie basiert auf Daten der Saisonen 2006/07 bis 2008/09, also der letzten Bachler-Jahre. Mehrfach wird erwähnt, dass Produktionen bis zu fünf Jahre abgeschrieben wurden. Obwohl die durchschnittliche "Lebenszeit" einer Inszenierung nicht viel mehr als ein Jahr ist: Sie betrug in der Saison 2007/08, also unter der Verantwortung von Thomas Drozda, lediglich 1,11 Jahre.

Um festzustellen, dass Produktionskosten zur Beschönigung der Bilanz aktiviert wurden, hätte Hartmann nicht seinen Hamburger Freund Peter Raddatz hinzuziehen müssen: Ein Blick in die Effizienzanalyse hätte gereicht.

Doch der Co-Geschäftsführer Hartmann hatte, wie Wolfgang Kralicek im Falter meint, keine Zeit, sich um seine Direktionsaufgaben zu kümmern: In seiner Ära (September 2009 bis zur Entlassung im März 2014) gab es genau 100 Produktionen auf den drei Hauptspielstätten (inklusive Kasino); bei 21 führte der Direktor selbst Regie. Vier Inszenierungen pro Jahr wären, so Kralicek, "auch bei einem künstlerisch potenteren Regisseur als Hartmann zu viel des Guten". Die meistbeschäftigten Regisseure hinter Hartmann waren David Bösch mit sieben, Stefan Bachmann, Andrea Breth und Hartmanns Schwester Annette Raffalt mit je fünf Arbeiten.

Allen war alles bekannt. Dennoch verlängerte Schmied im Jänner 2012 den Vertrag von Matthias Hartmann. Wie es weiterging? Fortsetzung folgt demnächst. (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 9.7.2014)

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