Preradović und ihre Schwestern 

8. Juli 2014, 17:33
21 Postings

Paula Preradović hatte Zeitgenossinnen, die sie als "große Töchter" hätte würdigen können - Politische Verfolgung, gesetzliche Hürden und ihr Status als Pionierinnen erschwerten Arbeit und Alltag zahlreicher einflussreicher Wissenschafterinnen 

Die Diskussion über das Fehlen der "großen Töchter" in Paula Preradovics Text für die Österreichische Bundeshymne hätte schon vor Jahrzehnten geführt werden können. Preradovic befand sich in Gesellschaft einflussreicher Zeitgenossinnen, als sie 1946 ihre Hymne textete. Obwohl die ersten Kämpfe um Gleichberechtigung und Sichtbarkeit für Frauen mit der ersten Frauenbewegung durch die beiden Weltkriege jäh unterbrochen wurden, konnten dennoch in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts einige "große Töchter" in Erscheinung treten.

Possanner, der "erste weibliche Arzt"

Welche institutionellen, sozialen und politischen Hürden diese Vorreiterinnen zu überwinden hatten, ist heute besonders an den Biografien von Wissenschafterinnen nachvollziehbar. Und durch den oft unbequemen und unfreiwilligen Pionierinnenstatus erkämpften sie auch Chancengleichheit für ihre Geschlechtsgenossinnen. So war die Ärztin Gabriele Possanner 1897 die erste Frau, die an einer Universität Österreich-Ungarns promovierte. Sie ist auch "der erste weibliche Arzt", wie die "Wiener Sonntags-Zeitung" am 5. April 1897 berichtet. Weil Frauen in Österreich nicht Medizin studieren durften, wich Possanner in die Schweiz aus und kämpfte nach ihrer Rückkehr 1894 als fertig ausgebildete Ärztin dafür, auch in Österreich praktizieren zu dürfen.

Jedermann darf

Dazu berief sie sich auf den Artikel 18 des Staatsgrundgesetzes von 1867, der lautete: "Es steht jedermann frei, seinen Beruf zu wählen und sich für denselben auszubilden, wie und wo er will". Possanner fühlte sich "mitgemeint". Zahlreiche Anträge, Petitionen und ein Gnadengesuch an Kaiser Franz Joseph später konnte sie schließlich promovieren und als Ärztin arbeiten. Auch die Romanistin Else Richter war Vorreiterin: 1905 habilitierte sie sich als erste Frau an der Uni Wien, sie war die erste außerordentliche Professorin Österreichs und gründete den Verband akademischer Frauen, dessen Vorsitzende sie bis 1930 war. Nach dem "Anschluss" Österreichs wurde sie aufgrund der geltenden "Rassengesetze" gekündigt, 1943 kam Richter in Theresienstadt ums Leben.

Vor den Weltkriegen verhinderten institutionelle Barrieren das Wirken von Frauen in Österreich: Erst ab 1878 durften sie hier als Gasthörerinnen zu Vorlesungen. 1897 ließen die Universitäten in Wien, Prag, Graz und Innsbruck Studentinnen zur philosophischen Fakultät zu, ab 1900 zum Medizinstudium. Deutschland zeigte sich hier fortschrittlicher: Schon 1754 promovierte Dorothea Erxleben als erste Frau in Deutschland.

Vorbei die Aufbruchsstimmung

Durch den ersten Weltkrieg und den Nationalsozialismus war die Aufbruchsstimmung unter der ersten Generation von Wissenschafterinnen vorbei, so Brigitta Keintzel, Mitherausgeberin des Lexikons Wissenschafterinnen in und aus Österreich. Diese erste Forscherinnengeneration war für die besondere Situation der Frauen sensibilisiert und engagiert, sagt Keinztel, "ein Idealismus, der später einer eher pragmatischen bis pessimistischen Einstellung wich."

Nach dem intellektuellen Kahlschlag durch den Nationalsozialismus kehrten viele vertriebene Zeitgenossinnen Preradovics nie mehr nach Österreich zurück. Die Sozialwissenschafterin Marie Jahoda musste bereits 1936 wegen ihrer Mitgliedschaft bei den Sozialdemokraten und ihrer Tätigkeit für die Revolutionären Sozialisten Österreichs nach Großbritannien emigrieren.

Aus dem Exil

Sie verfasste gemeinsam mit Paul Felix Lazarsfeld und Hans Zeisel die bedeutende Studie "Die Arbeitslosen von Marienthal", in der sie Auswirkungen von Arbeitslosigkeit untersuchten. Und die in Wien geborene Physikerin Lise Meitner musste 1938 aus Berlin flüchten, wo sie nach zahlreichen Erschwernissen aufgrund ihres Geschlechtes schließlich eine außerordentliche Professur innehatte. Ihre Zusammenarbeit mit dem Chemiker Otto Hahn, mit dem sie an einem Forschungsprojekt zur Kernspaltung arbeitete, wurde jäh unterbrochen. Nach ihrer Flucht über die Niederlande und Dänemark nach Schweden konnte Meitner Hahns Erfolge bei der Kernspaltung nur aus dem Exil beobachten, für die Entdeckung der Kernspaltung des Urans erhielt er 1944 den Nobelpreis. Meitner gelang die theoretische und physikalische Deutung dieses Phänomens.

Und wie steht es um die aktuelle Erinnerungskultur, dass diese Töchter nicht in Vergessenheit geraten? Suchen Studierende in den Arkadengängen der Universität Wien nach weiblichen Identifikationsfiguren, finden sie lediglich drei Frauenfiguren - zwischen 154 Männerbüsten: eine Gedenktafel für die Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach und die in der Mitte des Akardenhofes von den Büsten umringte Statue der Nymphe Kastalia. Sie flüchtete der griechischen Mythologie zufolge vor Apoll und stürzte dabei in eine Quelle, die Apoll fortan als Quelle der Inspiration diente.

Schluss mit Musen

Diese Reduktion von Frauen als Musen will eine seit 2009 im Pflaster des Arkadenhofs verewigte Frauenfigur korrigieren. Die von Iris Andraschek gestaltete Arbeit Der Muse reicht's wurde mit dunklem Granit im Pflaster in der Mitte des Arkadenhofes eingearbeitet. Sie zeigt eine 28 Meter lange Frauensilhouette in kämpferischer Haltung. Wollen Studierende weibliche Identifikationsfiguren finden, müssen sie entweder nach unten schauen oder auf die Suche gehen. Auf den ersten Blick sind die Pionierinnen auch heute nicht zu sehen. (Beate Hausbichler, DER STANDARD, 9.7.2014)

  • Lise Meitner.
    foto: apa

    Lise Meitner.

  • Marie Jahoda.
    foto: hendrich

    Marie Jahoda.

Share if you care.