Ruiss zu Bundeshymne: "Da hat man Geschichte verfälscht"

Interview8. Juli 2014, 17:08
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Gerhard Ruiss, Vorsitzender der IG Autorinnen Autoren, über Sündenfälle bei der Änderung der Bundeshymne, den Netzmob und darüber, warum es der Donauwalzer auch täte

STANDARD: Wie "Volks-Rock-'n'-Roller" Andreas Gabalier sind Sie ein Gegner der durchgegenderten Bundeshymne. Warum ist der Schutz dieses alten Kulturguts für Sie wichtiger als ein zeitgemäßer Text?

Ruiss: Mir geht es darum, dass die alte Hymne aus dem Jahr 1947 ein Staatsgründungsdokument ist – daher bin ich dagegen, dass man da nachträglich herumkorrigiert. Dazu kommt, dass die zweite Änderung in der dritten Strophe von "einig lass in Brüderchören" in "einig lass in Jubelchören" ein echter historischer Sündenfall ist. Da hat man Geschichte verfälscht, denn die "Brüderchöre" gelten ja als Absage an jeden Bruderkrieg wie im Jahr 1934 und stehen für die Politik der Lagerstraße, also für ein geeintes Links und Rechts. Wenn ich daraus "Jubelchöre" mache, zerstöre ich das Bekenntnis zur Zweiten Republik – und das ist ein echter Verhau.

STANDARD: Soll der Nationalrat die neue Version rückgängig machen?

Ruiss: Das Beste wäre, wenn sich der Nationalrat einer gründlichen Diskussion darüber stellt – und die kann nicht so aussehen wie im Jahr 2011, als man in einem Husch-Pfusch-Verfahren die Änderungen vorgenommen hat.

STANDARD: Aus emanzipatorischer Sicht ist das ausschließliche Besingen "großer Söhne" gestrig – was halten Sie von einer neuen Hymne?

Ruiss: Ich bin seit jeher für eine neue Hymne, weil man damit vorher eine große Identitätsdebatte in Gang setzen könnte: Wer sind wir? Wer wollen wir sein? Ähnlich war das im Jahr 1947. Heute könnte man etwa vor dem Hintergrund des Zuzugs zu interessanten Ergebnissen kommen. Schlimmstenfalls kommt dabei gar keine neue Hymne heraus, sondern nur, dass wir viel mehr über uns selbst wissen, als uns lieb ist.

STANDARD: Falls das Experiment doch gelänge: Wer sollte die neue Hymne texten?

Ruiss: Den Auftrag würde ich öffentlich ausschreiben – und zwar für jedermann und jedefrau. Denn ich glaube nicht, dass die Politik die Courage hat, damit die Komponistin Olga Neuwirth und Schriftstellerin Elfriede Jelinek zu beauftragen – vorausgesetzt, die beiden würden sich für diese Aufgabe überhaupt interessieren.

STANDARD: Vielleicht würde sich ja Andreas Gabalier anbieten?

Ruiss: Soweit ich ihn verstanden habe, möchte er am liebsten bei der alten Bundeshymne bleiben.

STANDARD: Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) musste sich seit ihrer Verteidigung der "Töchter-Söhne"-Passage mit argen Tiraden und gefährlichen Drohungen herumschlagen. Verstehen Sie diesen Aufruhr bei dem Thema?

Ruiss: Diese Rage bemächtigt sich ständig neuer Themen, Ähnliches hatten wir auch schon bei der Festplattenabgabe. Ich halte diesen Netzmob für ein Riesenproblem, weil er nur Angst und Entsetzen verbreitet. Wir brauchen da zwar keine Verbote, aber eine neue Verhaltenskultur, denn diese Diskursform kann man nicht akzeptieren.

STANDARD: Brauchen wir als angebliche Kulturnation tatsächlich eine Hymne? Aus völkerrechtlicher Sicht spräche doch auch nichts gegen eine Abschaffung?

Ruiss: Neben Staatssymbolen wie Flaggen, Wappen, Hoheitszeichen haben auch die Hymnen vor allem einen Wiedererkennungswert. Deswegen haben sie meist einen allgemeinen Konsenstext – aber freilich täte es auch einfach ein Musikstück.

STANDARD: Bei Staatsakten könnte man also genauso gut den Donauwalzer abspielen?

Ruiss: Das wäre eine Möglichkeit, weil den alle Welt kennt und damit Österreich assoziiert.

STANDARD: Hand aufs Herz: Wie oft singen Sie die Bundeshymne?

Ruiss: In meiner Kindheit oft – und soeben habe ich sie mit meiner Tochter wieder mitgelernt. (Nina Weißensteiner, DER STANDARD, 9.7.2014)

Gerhard Ruiss (63) ist Autor und Musiker. Seit 1979 ist der gelernte Schriftsetzer Vorstandsmitglied der Interessengemeinschaft Autorinnen Autoren, die sich als Wahrerin der beruflichen, rechtlichen sowie sozialen Interessen der österreichischen Schriftsteller versteht.

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    foto: heribert corn
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