Die fromme Hymnendichterin aus Pula

Porträt8. Juli 2014, 17:12
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Seit ein volkstümlicher Sänger sich geweigert hat, "Heimat großer Töchter und Söhne" zu singen, richten sich die Blicke wieder auf Paula Preradović, die Verfasserin des Textes unserer Bundeshymne   

Ihres Herkunftslandes hat sie bis zuletzt gedacht. Die Autorin Paula Preradović (1887-1951) entstammte dem gesegneten Landstrich Kroatiens. Ihr Großvater Petar von Preradovic genoss das Ansehen eines Nationaldichters. Ihre Kindheit verbrachte Paula in Pula (Deutsch: Pola), wo auch die Kriegsflotte der Monarchie bis 1918 vor Anker lag.

Die frühen Verse dieser ungemein begabten Dichterin lassen die Kindheitslandschaft Revue passieren: "Ach, Bruder, von den Buchten her die Brandung schwoll, / Vom Hügel uns ein Duften schwer herüberquoll / Nach Thymian und Ginster und blauem Salbeikraut (...)", heißt es in Requiem (1941).

Man muss die Einschränkung ermessen, die für Paula die Übersiedlung aus ihrem Kindheitsparadies nach Österreich bedeutet hat. Mit 14 Jahren kam sie in die Klosterschule der Englischen Fräulein in St. Pölten. Die Hinwendung zum Katholizismus verlieh ihrem Schaffen den Anstrich äußerer Kargheit bei äußerster Zurückhaltung im Ton. In München zur Krankenpflegerin ausgebildet, stand sie während des Ersten Weltkrieges in den Diensten des Wiener Universitätsspitals. Dort lernte sie ihren späteren Mann, den Historiker, Diplomaten und erfolgreichen Journalisten Ernst Molden kennen.

Preradovic schrieb ohne größere Unterbrechungen. Auf ihre frühen Gedichte übten Rilke und Stefan George unübersehbaren Einfluss aus. Man wird sich von dieser unprätentiösen Frau keine Avantgardismen erwarten dürfen. Die Arbeiten der Expressionisten und Dadaisten fanden definitiv keinen Platz in Preradovićs Bücherschrank.

Und doch umweht die Lyrik dieser Frau ein Ernst, der im Verlusterlebnis von 1918 seinen Ursprung hat. "Meerferne Heimat im Herzen der Länder, / Erdteiles Mitte, geschieden vom Strand (...)", sang die Preradović 1937 in Heimat ohne Meer. Nostalgie und Bedauern werden in solchen Zeilen nicht ohne tapferen Trotz ausgelebt.

Fernweh und Bescheidenheit

Die Dichterin übersetzt das anklingende Fernweh in Merkmale einer Selbstbescheidung, die der Ersten Republik gilt. Viele halten Österreich in den Jahren vor 1938 für nicht überlebensfähig. Fast scheint es, Preradovic würde sich für das Verfassen eines Bundeshymnen-Textes allmählich in Schwung bringen wollen. Dem österreichischen Genius spricht sie die Eigenschaft einer Wandelbarkeit zu, die noch diejenige des Meeres in den Schatten stellt: "Stark aus der klingenden Seele gebäre / Fülle unlotbarer Tiefe ans Licht, / Und wie das rollende Antlitz der Meere / Wandle sich ewiglich neu dein Gesicht."

Ihren Österreich-Patriotismus musste sich Paula Preradović von niemandem bescheinigen lassen. Sie und ihr Gemahl haben 1938 bis 1945 Furchtbares mitgemacht. Die Söhne Otto und Ernst überlebten den Kriegsdienst und schlossen sich dem Widerstand gegen die Nazis an. Die Gräuel von Krieg und Folter hat die bescheidene Frau in ihrer Wiener Reimchronik niedergelegt: "Macht-Dämonen, flieht vor euren Richtern! Diese Angesichter richten euch." Mit den "Angesichtern" sind die von Entbehrung entstellten Gesichtszüge der Kriegsteilnehmer gemeint.

Der Text der österreichischen Bundeshymne geht auf einen Wettbewerb aus dem Jahr 1946 zurück. Unterrichtsminister Felix Hurdes selbst hatte die Dichterin um ihre Teilnahme gebeten. Abänderungen wurden vorgenommen, ehe das Werk zu Mozarts Weise am 25. Februar 1947 zum Text der Hymne ernannt wurde.

"Arbeitsfroh und hoffnungsreich" ist Paula Preradović gewesen, "frei und gläubig" auch. An "Heimat großer Töchter und Söhne" (seit 2012) hätte sie womöglich Anstoß genommen. Aus Gründen des Versbaus. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 9.7.2014)

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