Google Maps: User suchen nach Bundesheer-Lauschposten

Ansichtssache29. Juli 2014, 10:12
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In zahlreichen Foren diskutieren Nutzer über mögliche Standorte von Abhörstationen und teilen Satellitenfotos 

Prinzipiell sind die Standorte von Abhöranlagen des österreichischen Bundesheeres streng geschützt. So sehr, dass laut Sperrgebietsgesetz sogar das "Fotografieren, Filmen sowie jede zeichnerische Darstellung eines Sperrgebiets" verboten ist. Das Betreten eines solchen Sperrgebiets ist ohnehin streng untersagt.

Allerdings sind die Satellitenaufnahmen auf Google Maps in Österreich unverpixelt verfügbar - und damit einhergehend also Luftaufnahmen der betreffenden Gebiete. In anderen Ländern ist das nicht so, insgesamt sind fast hundert Fälle von "Blurring" auf Google Maps bekannt; beispielsweise bei NATO-Stationen in Deutschland oder Militäranlagen in Frankreich oder Spanien. Offiziell hat Google nur Kontakte mit der indischen, der australischen und der malaysischen Regierung bestätigt.

Jagd auf Abhörstationen

Die Möglichkeit, Sperrgebiete aus der Vogelperspektive zu durchleuchten, hat weltweit in zahlreichen Internetforen zu einer Jagd auf Abhörstationen geführt. Spätestens seit den Enthüllungen des NSA-Whistleblowers Edward Snowden erfahren Diskussionsgruppen wie Sigint-Group oder Unterirdisch neuen Zulauf, wird das Interesse für Aktivitäten der Geheimdienste neu entfacht. Auch in Österreich wird heftig über etwaige Lauschposten des Heeresnachrichtenamtes, der sozusagen Österreichs NSA ist, spekuliert - vor allem, da alle Sperrgebiete offiziell in einer Verordnung des Verteidigungsministeriums genannt werden.

Bundesheer: "Keine geheimen Anlagen"

Illegal sei das nicht, so das Ministerium: "Der Begriff Sperrgebiet ist nicht zwingend mit Geheimhaltung verbunden", so die Pressestelle zum WebStandard. Sperrgebiete würden teilweise auch ausgerufen, um die Gesundheit von Personen zu schützen - etwa wenn Übungen stattfinden oder bei der Lagerung von Munition.

Außerdem betreibe das Bundesheer "in Sperrgebieten keine geheimen Anlagen", es wurden sogar schon "Filme in Sperrgebieten gedreht", daher seien die Google-Luftbilder "unbedenklich". Das Fotografierverbot diene vielmehr dem Schutz von "Fahrzeugen, Waffen und Geräten", die der Geheimhaltung unterlägen. Also ist ein Blick auf die angeblichen Lauschposten des Bundesheers erlaubt.

1. Die Königswarte

Allgemein bekannt ist die Abhörstation auf der Königswarte, die seit einigen Jahren auch gar nicht mehr als Sperrgebiet geführt wird:

screenshot/google

Auf der Königswarte wurde früher massiv gen Osteuropa und auf dem Balkan gelauscht, heute sollen Daten ziviler Satelliten im Visier stehen, so ORF-Journalist Erich Möchel in einer Analyse. DER STANDARD hat für Interessierte übrigens einen Wanderweg zur Königswarte bereitgestellt.

2. Der "NSA-Bunker"

Eine weitere Spähanlage des Heeresnachrichtenamts soll sich in Neulengbach, genauer gesagt bei Götzwiesen bei Kohlreith, befinden. Unter Einheimischen sei dies "hinlänglich bekannt", so ein Beitrag im niederösterreichischen Bezirksblatt. Die "Stammtischbesucher der Region" spekulieren, so der Bericht weiter, schon länger über einen "atombombensicheren Bunker", da zur Zeit des Kalten Krieges ein Atomsprengkopf auf die Götzwiesen gerichtet gewesen sein soll.

screenshot/google

Der Kohlreithberg ist seit 1976 zum Sperrgebiet erklärt.

3. Großharras

Laut "Profil"-Recherchen befindet sich auch in Großharras ein HNA-Lauschposten. Das Areal ist ebenso wie der zuvor genannte Kohlreithberg seit 1976 Sperrgebiet, was zumindest Indizien auf eine Aktivität des HNA gibt.

screenshot/google

Internetnutzer wollen dabei obige Station als Abhörposten des HNA identifiziert haben. Glaubt man älteren Aufnahmen, wurde hier in den letzten Jahren eifrig umgebaut.

4. Stockham bei Wels

Ein weiteres mysteriöses, angeblich sich im Besitz des Bundesheeres befindende Objekt ist in der Gemeinde Stockham nahe Wels zu finden:

screenshot/google

Die mutmaßliche Station in Stockham unterscheidet sich stark von den anderen dreien, soll aber laut "Profil" Teil einer "Peilkette" gewesen sein, mit der die NATO - und damit auch die NSA - von Norwegen über Deutschland bis nach Italien Funksignale abgefangen hat.

5. Gols im Burgenland

Die Peilkette soll sich folgendermaßen entlanggezogen haben: über Stockham bei Wels in den Nordosten Niederösterreichs nach Großharras, dann nach Neulengbach knapp vor Wien, dann in ihrer östlichsten Ausbuchtung nach Gols beim Neusiedler See, wo Internetforen folgendes heute noch auf Google Maps sichtbares Objekt ausgemacht haben:

screenshot/google

6. Pirka / Thalham / Zettling bei Graz

Weiter südlich soll sich das Ende der Peilkette dann nahe Graz befinden, vermutlich südlich des Grazer Flughafens bei Pirka, Thalham oder Zettling. In einigen Foren wird folgende Gerätschaft zum HNA-Lauschposten erhoben:

screenshot/google

Ein Indiz dafür ist, dass sich in unmittelbarer Nähe des Objekts ein Munitionslager des Bundesheeres befand - in der dafür wunderschön betitelten Pulverturmstraße 4:

screenshot/google

Dagegen spricht, dass das Objekt optisch ident mit einem sogenannten Drehfunkfeuer ist, das Informationen an Flugzeuge übermittelt. Nachdem sich die Anlage nur wenige Hundert Meter südlich des Grazer Flughafens befindet, wäre auch die Position mit dieser These erklärt. Zum Vergleich ein Drehfunkfeuer, das vor dem Karlsruher Flughafen steht:

foto: wikipedia/creative commons

Es würde sich allerdings nicht um das erste Mal handeln, dass Geheimdienste ihre Peilanlagen "verkleiden", spekulieren die Nutzer weiter. Als gesichert gilt dank Medienberichten jedenfalls, dass sich in unmittelbarer Nähe des Grazer Flughafens eine Abhörstation des Heeresnachrichtenamtes befindet.

Der Mythos Neutralität

Wenn man die verschiedenen Anlagen auf einer Österreich-Karte einzeichnet, wird gut sichtbar, wie die gesamte ehemalige "Ost-Grenze" abgedeckt wird.

Die "Ausbuchtung" Österreichs in den Raum des ehemaligen Ostblocks könnte so - sollten die Vermutungen stimmen - in punkto Funkaufklärung voll genutzt worden sein. Hält man sich die Situation im Kalten Krieg vor Augen, wird klar, dass beispielsweise mit der Königswarte ein österreichischer Horchposten 300 Kilometer östlich zur Grenze Bayerns platziert werden konnte. Auch die italienische Grenze erreicht erst beim "Absatz" des Stiefels denselben Längengrad wie die Königswarte, ist da aber viel zu südlich, um gut nach Ungarn oder gar Richtung Ukraine hören zu können.

Der ominöse "Geheimvertrag" zwischen der NSA und Österreich könnte die Weitergabe von SIGINT(Signal Intelligence)-Daten, die genau auf diesen Horchposten abgegriffen wurden, zum Inhalt haben, spekulieren Nutzer. Immerhin wird Österreich in NSA-internen Dokumenten auch offiziell als Third-Party-SIGINT-Partner bezeichnet.

Die Recherchen des ORF-Journalisten Erich Möchel zeigen außerdem, dass sich die Aufgabengebiete der Anlagen geändert haben könnten: So soll die Königswarte beispielsweise rundum erneuert worden sein und vorrangig in den Nahen Osten lauschen. (fsc/red, derStandard.at, 29.7.2014)

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