Medialer Notnagel: Frauenpolitik - Hillary Clinton bei Günther Jauch

Blog8. Juli 2014, 14:27
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Sonntagabend stellt sich eine deutsche Sendung ganz in den Dienst der amerikanischen Politik

Wien - Frauenpolitik dient offenbar dann als beliebter, auch medialer Notnagel, wenn andere, sicher nicht mindere Themen bevorzugt nicht in der Öffentlich diskutiert werden sollen. So geschehen in Österreich bei der aufgeheizten Diskussion samt ekelhaftem Shitstorm  rund um die Nationalhymne. So geschehen im jüngsten Sonntagabend Talk eines deutschen öffentlich-rechtlichen Senders. Nicht "die Macht der NSA" sondern "Frauen an die Macht" lautete der Titel der Sendung. Stargast bei Günther Jauch war niemand Geringes als Hillary Clinton, bis Februar 2013 Außenministerin der USA.

Drei hochqualifizierte Frauen und ein Mann beim Talk in einem Gasometer. Geladen waren die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, die frühere und bisher einzige Chefin der protestantischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann und, wie gesagt, Hillary Clinton.

Deutsch-amerikanische Freundschaft

Zeitgleich gehen in Deutschland die Wogen hoch, nachdem kurz zuvor ein Angehöriger des Bundesnachrichtendienstes als US-Spion enttarnt worden war. Doch nicht der NSA und wie es nun mit der deutsch-amerikanischen Freundschaft ausschaut, gilt die erste Frage des Moderators. Nein, der fragt vielmehr  kokett, wie sein Outfit aussähe, holt sich prompt von Hillary Clinton nicht das beste Urteil ab und verweilt nach diesem Anfangsgeplänkel lange bei dem hinlänglich bekanntem Phänomen, dass Karrierefrauen auch in Sachen Kleidung kritisch beäugt werden. Die frühere US-Außenministerin spricht gern und flüssig über Haar-Gummiringerln in 112 Ländern, die gläserne Decke für berufstätige Frauen wird angesprochen, als jedoch Frau Käßmann zum Punkt kommen will, wechselt Moderator Jauch flink das Thema. So genau will man es ja nun auch nicht wissen.

Hillary Clinton ist gerade auf Promotionstour für ihre jüngstes Buch unterwegs. Unangenehme Fragen werden deshalb offenbar nur so gestreift, dass sie nicht wehtun. Spannend wäre gewesen,  Hillary Clinton nicht nur ausweichend antworten zu lassen, sondern ihr Wissen um die Tätigkeit des amerikanischen Geheimdienstes zumindest zu hinterfragen versuchen. Immerhin macht dieser durch seine Missachtung von Privatsphäre und Menschenrechten uns alle zu gläsernen Menschen.

Thema Bin Laden

Dass Margot Käßmann und Hilary Clinton verschiedene Ansichten in Sachen Todesstrafe und Menschenrechte haben, liegt auf der Hand. Dass darüber aber keine Diskussion entstehen durfte, war mehr als bedauerlich. Auch die "Ethik" – was immer das in diesem Zusammenhang ist - der US-Terrorbekämpfung blitzte kurz auf und war auch schnell schon wieder weggeredet. Zumindest wissen wir jetzt, dass die frühere US-Außenministerin, wie sie sagt, bei der Liveübertragung der Stürmung von Osama Bin Ladens pakistanischen Quartiers nur gespannt den Verlauf der militärischen Aktion gefolgt sei. Ihr entsetzter Gesichtsausdruck habe nicht der Tötung Bin Ladens gegolten. Wie auch immer. Irgendwie auch schade.

Viel wird seit Ausbruch der Ukraine-Krise wieder über Propaganda-Journalismus gesprochen. Über Journalistinnen und Reporter, die sich in den Dienst ihres Landes stellen bzw. stellen müssen. Sonntagabend stellt sich eine deutsche Sendung ganz in den Dienst der  amerikanischen Politik. Hillary Clinton präsentierte sich professionell, bleibt insofern auch cool und gelassen, als ihr vom Moderator schließlich noch als "D’rüberstreuer" die einstige Affäre ihres Mannes mit der Praktikantin Monica Levinsky untergejubelt wird. Warum? Weil diese Affäre gerade in den USA von Hillary Clintons  politischen Gegner neuerlich aufgekocht wird. Hillary Clinton: "Ich habe ihm verziehen." Basta.

An der Spitze

Locker abgeschmettert und verziehen haben die Profi-Frauen dem Moderator auch den  holprig spekulativen Versuch, sich vorweg mit Hillary Clinton als mögliche künftige US-Präsidentin und Ursula von der Leyen als mögliche künftige deutsche Bundeskanzlerin zu präsentieren. Die deutsche Verteidigungsministerin verweist auf die jetzige deutsche Bundeskanzlerin, Not an Frau herrsche keine. Hillary Clinton freut sich erst einmal, in absehbarer Zeit Großmutter zu werden. Den Zeitpunkt, ob und wann sie sich entscheiden werde, für das Amt der US-Präsidentschaft zu kandidieren, behält sie sich selbst vor. Ganz im Sinne der "Macht der Frauen" beherrschten souveräne Frauen die Bühne dieser Talkshow.

Eine Talkshow, die den Frauen gewidmet war, während rundherum die Praktiken der NSA die Öffentlichkeit erschüttern. (Rubina Möhring, derStandard.at, 8.7.2014)

  • Hillary Clinton war zu Gast bei Günter Jauch.
    foto: screenshot/ard

    Hillary Clinton war zu Gast bei Günter Jauch.

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