Warum die Amerikaner Urlaubstage verschenken

8. Juli 2014, 13:50
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Vier von zehn Amerikanern verzichten auf Teile des Urlaubs. Finanziell kann sich das durchaus rechnen

Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten lässt viel Spielraum bei der Ausgestaltung des Urlaubsanspruchs. Eine gesetzlich festgelegte Mindestanzahl an freien Urlaubstagen gibt es in den USA nicht, für einen Industriestaat eher ungewöhnlich. Bezahlter Urlaub muss individuell ausgehandelt werden und ist häufig in einem Topf mit Krankenstand und Pflegeurlaub.

Nur drei Viertel haben überhaupt Anspruch auf bezahlte Freizeit, dementsprechend variiert auch die Anzahl der zur Verfügung stehenden freien Tage sehr stark – im Durchschnitt sind es 20 Tage im Jahr. Chefs dürfen häufiger zu Hause bleiben als Fastfood-Verkäufer, wie eine Studie von Oxford Economics ergab.

Auch sonst gibt es in US-Arbeitsverträgen Klauseln, die in einem österreichischen Arbeitsvertrag nie zu finden wären. So etwa ist es laut einer Studie häufig möglich, Urlaubstage an Kollegen zu verschenken, wenn diese ihn brauchen und man selbst lieber in der Firma bleiben möchte.

Insgesamt verzichten laut Oxford Economics vier von zehn Amerikanern auf einen Teil ihres Urlaubs. Dieser Rest wird ausbezahlt, ins nächste Jahr mitgenommen oder verfällt. Zu viel Arbeit sowie Druck vonseiten der Arbeitgeber und Kollegen werden als Gründe für die Mehrarbeit genannt. Außerdem kann der Verzicht auf Freizeit einen Wettbewerbsvorteil bringen und sich durchaus auch finanziell rentieren. Vor allem bei jungen, gut ausgebildeten Arbeitnehmern zahlen sich Überstunden auch langfristig in Form von Beförderungen aus, wie eine Studie der University of North Carolina ergab.

Mehr arbeiten, als man ausgeben kann

Die Arbeitsverliebtheit der Amerikaner könnte aber auch andere, weniger rationale Gründe haben: Bei einem Experiment der University of Chicago konnten sich Studierende laut Bloomberg entweder zu Musik entspannen oder Schokolade verdienen, indem sie sich Lärm aussetzten. Der Haken an der Sache: Das so verdiente Naschzeug durfte nur innerhalb des Experiments konsumiert, also nicht mit nach Hause genommen werden. Dennoch entschied sich der Großteil der Studierenden dafür, mehr zu verdienen, als sie zeitbedingt essen konnten.

Forscher sprechen von einer Tendenz zur „sinnlosen Akkumulation“. Die Teilnehmer entwickelten eine regelrechte Raffgier und hörten erst auf, wenn sie müde waren, und nicht, wenn sie genug hatten. Diese Tendenz war extremer, je mehr Schokolade pro Zeiteinheit verdient werden konnte.

Arbeitswut hat ja bekanntlich nicht nur negative Auswirkung auf Gesundheit und Produktivität der Arbeitnehmer: 67 Milliarden Dollar mehr könnte es alleine der amerikanischen Tourismusbranche bringen, würden alle Urlaubstage ausgenützt. Der gesamtwirtschaftliche Benefit laut Studie wären zusätzliche 52 Milliarden und 1,2 Millionen Arbeitsplätze.

Kein Urlaubsverzicht in Österreich

In Österreich hingegen gebe es keine systematische Urlaubsverweigerung, so Christoph Klein von der Arbeiterkammer (AK). Grund hierfür seien unter anderem die hierzulande geltenden gesetzlichen Regelungen. Jedem Arbeitnehmer stehen per Gesetz mindestens 25 Tage Urlaub pro Jahr zu, das Vergüten von Urlaubstagen ist strikt verboten und auch das Tauschen mit Kollegen ist nicht möglich.

Individuell können natürlich auch hier Zuckerln vergeben werden. Laut einer Studie der der Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA) haben Führungskräfte im Durchschnitt eineinhalb Tage mehr zu Verfügung. Der Anspruch auf Urlaub verjährt per Gesetz erst nach zwei Jahren. Sprich: Man hat insgesamt drei Jahre lang Zeit, seine Urlaubstage zu verbrauchen. Arbeitnehmer, die sich so einen Urlaubspolster ansparen, gehen dann zum Beispiel ein halbes Jahr früher in Pension oder bekommen die übriggebliebenen Tage bei Verlassen des Betriebs ausbezahlt.

Rund jeder Zweite braucht seinen Jahresurlaub laut GPA nicht auf, im Durchschnitt werden elf Urlaubstage ins nächste Jahr mitgenommen. Viele Österreicher klagen auch, wegen Vertretungsmangel oder festgelegtem Betriebsurlaub nicht dann in den Urlaub gehen zu können, wenn sie es wollen. Ein Großteil der Österreicher wünscht sich außerdem die vieldiskutierte sechste Urlaubswoche. Von einer Freizeitphobie in Österreich kann also nicht die Rede sein - hierzulande würde man die Urlaubsgeschenke der Amerikaner wohl gerne annehmen. (Sonja Spitzer, derStandard.at, 8.7.2014)

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    foto: apa
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