Listerien-Prozess: Vater hörte seinem Sohn zu und brach zusammen

8. Juli 2014, 17:27
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Dramatische Szenen in Gerichtsverhandlung zum "Käse"-Lebensmittelskandal

Graz - Es war beunruhigend. Der alte Herr stieß einen kurzen Schrei aus und sank zusammen. Ein Verteidiger eilte von der Gerichtsbank herbei, Sitznachbarn auf den Zuschauerrängen halfen, den Mann auf die Bank zu betten. Als der Notarzt eintraf, hatte er sich wieder einigermaßen erfangen und konnte ins Spital transportiert werden. Es war dem 87 Jahre alten, herzkranken Mann wohl alles zu viel geworden.

Wenige Minuten zuvor hatte sein, im Rollstuhl sitzender, 58 Jahre alter Sohn vor dem Grazer Richter Raimund Frei jene schicksalhaften Tage der Jahreswende 2009 auf 2010 Revue passieren lassen. Es dauerte lange, bis er dafür die richtigen Worte formen konnte. Nach dem monatelangen Koma hat er erneut lernen müssen zu sprechen.

Genoss Lieblingskäse

Im Dezember 2009 ging alles noch seinen gewohnten Lauf. Die Eltern, die in Linz wohnten, kamen wie jedes Jahr zu Weihnachten auf Besuch zum Sohn nach Wien. Er hatte Karriere gemacht, war Mediziner und Topmanager in einem Pharmakonzern. 16.000 Euro brutto im Monat plus Prämien. Mit der Mutter teilte er eine für seine Mitmenschen nur naserümpfend tolerierte Leidenschaft: Quargel. Seine Mutter verzichtete diesmal, er aber genoss seinen Lieblingskäse.

Tage später, so sagt er, habe er hohes Fieber und starke Kopfschmerzen bekommen. Er diagnostizierte "Schweine- oder Vogelgrippe", die damals grassierte, und verordnete sich Tamiflu. Als er sich telefonisch nicht mehr meldete, ließ seine langjährige Bekannte die Türe von der Polizei aufbrechen. Der Notarzt tippte auf Schlaganfall. Was sich später als falsch herausstellte.

Probe vernichtet

Erst mit der Entnahme der Rückenmarksflüssigkeit konnte Klarheit geschaffen werden: Diese enthielt Listerien. Die Probe aber, erinnerte Richter Frei, sei vernichtet worden. Wie auch die Lebensmittel im Kühlschrank des heute teilgelähmten Ex-Managers. Dessen Eltern seien telefonisch aufgefordert worden, den Inhalt des Kühlschrankes samt Quargel zu entsorgen, sagte die Bekannte des Opfers. Wer angerufen habe, daran könnten sich die Eltern nicht mehr erinnern.

Die Firma Prolactal, von der der Quargel stammt, will dem schwer kranken Mann die geforderte eine Million Euro an Wiedergutmachung nicht zahlen, weil sie der Meinung ist, dessen Krankheit habe eine andere Ursache - und nicht den Quargel.

Zwei der Ex-Firmenchefs bekennen sich aber schuldig, den kontaminierten Käse nicht rechtzeitig aus dem Verkehr gezogen zu haben. Für den gelähmten Ex-Manager ist klar, dass es der Quargel war, zumal seine Symptome jenen der übrigen acht Erkrankten gleichen. Sieben Menschen starben damals an Listeriose. (Walter Müller, DER STANDARD, 9.7.2014)

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