Über 250 Forscher äußern scharfe Kritik am "Human Brain Project"

8. Juli 2014, 09:08
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Offener Brief an die Europäische Kommission 

Lausanne - Anfang 2013 Hat die Europäische Union das "Human Brain Project" (HBP) als Flagship-Forschungsprojekt erkoren und etwa eine halbe Milliarde Euro dafür zugesagt. Den gleichen Betrag sollen die Staaten der über 135 beteiligten Forschungsanstalten in Europa sowie die Wirtschaft beisteuern.

Ziel des ehrgeizigen Projektes soll es sein, eine Simulation des menschlichen Gehirns zu entwickeln, um auf diese Weise zumindest theoretisch alle Aspekte des Gehirns messen und beeinflussen zu können. Basis der Simulation sollte eine neue Generation von Supercomputern werden, sogenannten "neuromorphen" Computer. Dabei wollen die Wissenschafter einen Computerchip entwickeln, dem die Architektur der Nervenzellen des menschlichen Gehirns zugrunde liege.

Kritik an Thesen und Führung

Die Erwartungen an das "Human Brain Project" sind groß - ebenso die Skepsis: Über 200 Forscher aus ganz Europa haben am Montag in einem offenen Brief Kritik an dem Vorhaben geäußert. Sie warnen, dass die These des Milliardenprojekts zu eng formuliert sei, und äußern Kritik an der Führung des Projektes durch die ETH Lausanne (EPFL).

Der offene Brief der Forscher ist an die Europäische Kommission gerichtet. Die zu eng formulierte These habe ein bedeutendes Risiko zur Folge, dass die Ziele verfehlt werden könnten, schreiben die über 250 Forscher. Falls die Empfehlungen im Brief von der Europäischen Kommission nicht umgesetzt würden, plädierten die Unterzeichnenden dafür, nicht an Partnerprojekten des HBP teilzunehmen, und riefen Kollegen dazu auf, sich ihrer Erklärung anzuschließen.

Gerard Escher, ein Berater des "Human Brain Project", hielt gegenüber von "Forum" fest, dass manche der Unterzeichnenden von Anfang an gegen das Projekt gewesen seien. Bis Mitte 2016 koste das HBP rund 54 Millionen Euro, hielt Escher fest. Erst danach steige die Größenordnung, und dann könne über das zusätzliche Geld gestritten werden.

Bestehende Daten sollen übernommen werden

Der Rat des HBP habe gewisse Aktivitäten der klassischen Forschung ausgeschlossen und entschieden, bestehende Daten zu übernehmen, um nicht nochmals das Gleiche zu machen. Eine gewisse Zahl von Forschern habe sich von der Finanzierung ausgeschlossen gefühlt und diesen Brief geschrieben.

Das HBP werde der Europäischen Kommission eine offizielle Antwort schreiben, in dem auch andere Wissenschafter zu Wort kämen. Das Projekt werde sich entwickeln und im Laufe der Jahre reifen. (APA/red, derStandard.at, 08.07.2014)

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