Blitzen Benz: Köstlicher Unfug

13. Juli 2014, 20:40
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Der Blitzen Benz. In unseren schlanken Zeiten ist das ein feiner Genuss: wie der fetteste, unkorrekteste Vierzylinder aller Zeiten per Anlasserkurbel jene Blähungen gewinnt, die er in Räuspern, Husten, Plotzen und Rasseln und Gedröns umsetzt 

Bei aller Besinnung auf neue schlaue Nachhaltigkeit wollen wir nicht leugnen, dass die letzten circa hundert Jahre auch fantastische Blüten des Unsinns hervorgebracht haben. Der Blitzen Benz des Jahres 1910 ist ein Juwel.

Wir reden ja von den wirklich alten Tagen: In Amerika konnten sie sich vorbehaltlos für die stärksten Autos ihrer Zeit begeistern, viel offener und gieriger als in Europa, ohne die alten Zöpfe der Vorbehalte und Schikanen. Geschwindigkeit war der einzige Maßstab, mit dem man etwas anfangen konnte. Das schnellste Auto übertraf jede Lokomotive, selbstverständlich auch das Flugzeug, es ging also um absolute Werte. Jeder Zuschauer eines neuen Rekordversuchs stand irgendwie in der Weltgeschichte herum.

Riese aus Deutschland

Und da kam dieser Riese aus Deutschland mit einem mehr als 20-Liter-Motor, man stelle sich die Kolben des Vierzylinders vor, Ventile groß wie Untertassen, und das Auto war ganz weiß und machte Geräusche, wie sie kein Mensch noch je gehört hatte. Bei jeder Kurbelwellenumdrehung, grob gesagt an jedem Meter Wegstrecke, spielte sich die Explosion von fünfeinhalb Liter Benzin-Luft-Gemisch ab. Im Auspuff führte das zu einem Ereignis, das nur noch Vergleiche aus der Artillerie zuließ.

Die größte Tugend des Fahrers: "He was fearless", am besten auch dies im absoluten Sinn, denn wer mit solcher Federung, bei solcher Straßenlage, vor allem aber mit solchen Ballonreifen mehr als Tempo 200 fuhr, konnte mit einer emotionalen Knautschzone nichts mehr anfangen.

Der schillerndste Name in Zusammenhang mit dem weißen Riesen war Barney Oldfield. Er sah recht gut aus, hatte immer und unabänderlich eine Zigarre im Mund, machte das Vorzeigen von "Fearless"-Dasein zu einer Art Markenartikel, wurde jedenfalls der erste Rennfahrer, dessen Ruhm nationwide übergriff.

Aufeinandertreffen der Stars

Obwohl er auch in ernsthaften Rennen, soweit es die in Amerika schon gab, gute Figur machte, ließ er sich gern in einen automobilistischen Wanderzirkus integrieren, trat fast täglich in irgendeinem Ort des Mittelwestens auf und stellte sich einer Herausforderung, die nach der Choreografie von Catcher-Turnieren ablief: grimmige Rivalität, kriegerisches Gebrabbel und wilde Action – alles mit Autos.

Gegen Ende des ersten Jahrzehnts des Jahrhunderts kam eine zweite Rennfahrerpersönlichkeit mit einer ganzen Schleppe von Streckenrekorden auf, Ralph de Palma, der hauptsächlich Fiat fuhr. Ein Aufeinandertreffen der beiden Stars im Kampf um den absoluten Geschwindigkeitsweltrekord war der absolute Hit aller denkbaren Szenarien.

Dafür sicherte sich der Manager der Oldfield-Truppe 1910 den sagenumwobenen neuen Benz, als der noch über den Atlantik schipperte. Im Sinn jener Catcher-Atmosphäre, die auch bei den seriöseren Turnieren anklang, brauchte der Wagen einen Nom de Guerre, der ward mit Lightning Benz gefunden, also Blitz Benz. Noch in Amerika setzte sich die verballhornte Eindeutschung mit Blitzen Benz durch, sie wurde in der Heimat dankbar angenommen, man war ja in den Hurra-Jahren des Kaiserreichs.

Stellenwert wuchs

Die Firma Benz selbst wäre viel zu nobel gewesen, einen derartigen Kriegsnamen zu applizieren, das Unternehmen war ja hochseriös. In der Rivalität mit allen Konkurrenten, ganz besonders auch der Daimler-Motoren-Gesellschaft, hatte sich Benz nur punktuell zum Motorsport reizen lassen. Karl Benz, ja, der Mann von der Berta!, hatte dafür gar nichts übrig. Er sah alles, was zu Geschwindigkeiten jenseits der 50 km/h führte, als Unfug an, und das war im sehr "gemischten Verkehr" (Karren, Pferdekutschen) kurz nach der Jahrhundertwende gewiss ein weises Wort. Mit jedem Jahr wuchs allerdings der Stellenwert des Sporterfolgs gerade für die ernsthaften Firmen, und Benz stieg ab 1908 ins Geschehen ein.

Mithilfe rasch engagierter Fachleute entstanden fantastische Grand-Prix-Wagen nach dem damaligen Reglement, das den Motor durch eine Maximalbohrung (155 mm) limitierte, und sonst nichts. Bei Benz konnte man auf das Konzept eines Luftschiffmotors zurückgreifen. Wessen Fantasie dann tapfer genug für 200-mm-Hublänge war, kam auf einen 15-Liter-Vierzylinder, und so geschah es bei Benz. Um die Entwicklungskosten vernünftig umzulegen, boten sich Amerika-Einsätze an.

Da mittlerweile schon ein amerikanischer Dampfwagen die 200 km/h überboten hatte, war noch einmal ein Griff ins Volle angesagt: Die Bohrung wurde auf 185 mm vergrößert, was einen Hubraum von mehr als einundzwanzig Litern ergab, exakt: 21.504 ccm. Dieses Auto wurde zum Blitzen Benz, und Barney Oldfield stand parat.

Nichts für herkömmliche Rennbahnen

Die Leistung betrug angeblich genau 200 PS bei 1600/min. Benzinverbrauch, man ahnt es, war kein großes Thema. Gern werden 65 l / 100 km angegeben, aber das war natürlich eine variable Größe.

Alle Erkenntnisse der Zeit wurden für die spezielle Zielsetzung angewandt: Spitzheck und schmaler Querschnitt der Karosserie. Durch den Einsatz nur für kürzere Distanzen war man von der Aufgabe einer ausdauernden Kühlleistung befreit und konnte diesen wunderbaren hohen schmalen Kühler schaffen. Ein durchaus funktionales Detail, die windschlüpfige Auslegung der Kühleroberkante zu einem Schnabel, verstärkte die Aggressivität des Auftretens.

Herkömmliche Rennbahnen, so viel war in Europa wie Amerika klargeworden, standen dem Ausfahren der möglichen Höchstgeschwindigkeit mittlerweile im Wege, die Autos waren auch in Steilwänden nicht mehr zu halten, zumal ja der Fortschritt überproportional in die Motoren und nur marginal ins Fahrwerk einfloss. Selbst brandneue Rennbahnen standen dem echten Potenzial der Fahrzeuge mittlerweile im Wege. Man brauchte lange, harte, flache Wegstücke, und noch vor der motorsportlichen Entdeckung des Salzsees kam der hartgepresste Strandstreifen von Daytona Beach zu seiner Ehre.

Epochales Aufeinandertreffen

Das epochale Aufeinandertreffen von Ralph de Palma (Fiat) und Barney Oldfield (Benz) im März 1910 fand indes nicht statt. Die Gründe versickern im Bodennebel der Archive, jedenfalls gab’s keinen Gegner für Oldfield, der halt bloß seinen Teil der Abmachung bestritt, zum Rekordversuch antrat und ziemlich locker knapp 212 km/h erzielte. Formale Unzulänglichkeiten verhinderten die Eintragung ins Buch der Geschichte, aber dieser Blitzen Benz war nun einmal das schnellste Auto bislang.

Vor dem Background der damaligen Begeisterungsfähigkeit führte die Verbindung der beiden Namen „Barney Oldfield“ und „Blitzen Benz“ in die Hall of Fame der amerikanischen Legende: Dies war das aufregendste Paar der Frühzeit des Automobils. Um das Ding noch etwas kriegerischer aussehen zu lassen, wurde dem weißen Benz das kaiserliche Wappen aufgemalt, die Show war perfekt.

Der Zirkus tourte durchs Land.

Gegen Ende 1910 ließ sich die Sportbehörde (ja, so etwas gab’s damals schon) die Vermischung von Sport und Zirkus nicht mehr bieten und ächtete Barney Oldfield – jedenfalls von jenen Veranstaltungen und Rennstrecken, wo sie was zu sagen hatte. Als Fahrer der offiziellen Rekordveranstaltung im Frühjahr 1911 in Daytona kam Oldfield deswegen nicht infrage, und so bekam ein Mann namens Bob Burman seine Chance. Keiner dürfte besser als Oldfield gewusst haben, dass Burman eigentlich gar nicht scheitern konnte, denn er kannte die Reserven, die der Wagen im Vorjahr bei 212 km/h noch gehabt hatte.

Schnellstes Fahrzeug der Welt

So war es auch: Unter Einhaltung aller offiziellen Vorschriften (vor allem: Durchschnitt aus beiden Richtungen) erzielte der Blitzen Benz 228 km/h über die Fliegende Meile und war damit das schnellste Fahrzeug der Welt, mit Brief und Siegel. Und mit Allerhöchstem Beifall: "Ich beglückwünsche den wagemutigen Yankee zu seinem in der Tat bemerkenswerten Erfolg in einem deutschen Wagen", kabelte Kaiser Wilhelm II.

Der Weltrekord hielt acht Jahre lang, eine unglaubliche Zeit bei dem schnelllaufenden Fortschritt jener Zeit, und der Blitzen Benz selbst (in Variationen und Umbauten) tauchte noch bis in die Dreißigerjahre auf Rennstrecken in Europa auf, längst ein weißer Saurier aus der Urgeschichte des Rekorde fressenden Automobils.

Es gibt Menschen, die die kostbarsten Jahre ihres Lebens in die Geschichtsschreibung des Blitzen Benz gesteckt haben: was mit dem Amerika-Auto in den Wirren zweier Kriege passierte und wie fünf weitere Blitzen-Exemplare der Firma Benz überlebten bzw. nicht überlebten. Man soll für Hindenburg eine zivile Version als Dienstfahrzeug bereitgestellt haben, als er zu den Schlachten in den Masuren eilte, ist das nicht wunderbar.

Gesichert ist die Existenz eines Wagens im Mercedes-Museum, zwei weitere Autos scheinen eine ordentliche Herkunft zu haben. Am besten gesichert ist ein autorisierter Nachbau, für den Mercedes einen Originalkühler, einen Reservemotor und einen offensichtlich originalen Rahmen zur Verfügung stellte.

Das Auto tourt zu den feinsten Historien- und Elegance-Parcours der Welt, nunmehr voll in der Netz-Community erfasst. Sehr bekömmlich ist ein kleiner Youtube-Beitrag aus Pebble Beach über das Anlassen des Motors. Einfach die Stichworte abrufen. (Herbert Völker, DER STANDARD, 12.7.2014)

Zum Wagen

  • 1909/10, Fahrzeug der Firma Benz, die dann 1926 mit Daimler fusioniert wurde
  • Länge 4820 mm, Gewicht 1450 kg, Kettenantrieb auf die Hinterräder, Bremsen auf Hinterräder
  • Reihen-Vierzylinder, Hubraum 21.504 ccm, Bohrung x Hub 185 x 200 cm, je zwei hängende Ventile pro Zylinder, seitl. Nockenwelle, 200 PS bei 1600/min, max. Drehmoment 880 Nm, Benzinverbrauch bis zu 65 l/100 km
  • Höchstgeschwindigkeit 228,1 km/h - absoluter Geschwindigkeitsweltrekord 1911, inklusive Schienen- und Luftfahrzeuge
  • Mit dem Wappen des deutschen Kaisers: Der Blitzen Benz fährt 1911 Weltrekord in Daytona (228 km/h). Man beachte die aerodynamische Ausformung des Kühlerschnabels.
    foto: mercedes benz

    Mit dem Wappen des deutschen Kaisers: Der Blitzen Benz fährt 1911 Weltrekord in Daytona (228 km/h). Man beachte die aerodynamische Ausformung des Kühlerschnabels.

  • Die windschlüpfige Auslegung der Kühleroberkante zu einem Schnabel verstärkte die Aggressivität des Auftretens.
    foto: mercedes benz

    Die windschlüpfige Auslegung der Kühleroberkante zu einem Schnabel verstärkte die Aggressivität des Auftretens.

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