Gaza-Krise: Erneut Luftalarm in Tel Aviv, Israel setzt Angriffe fort

Video9. Juli 2014, 08:15
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Hamas feuert Raketen auf Tel Aviv ab, Israel gibt grünes Licht für Mobilisierung von bis zu 40.000 Reservisten

Gaza - Erstmals seit Ausbruch der neuen Gaza-Krise haben Extremisten am Dienstag offenbar auch die israelische Metropole Tel Aviv mit Raketen beschossen. Die Behörden lösten Luftalarm aus, Livebilder des Fernsehens zeigten offenbar das Abfangen einer Rakete durch das Abwehrsystem "Eiserne Kuppel". Am Mittwochmorgen heulten abermals die Sirenen in Tel Aviv, um die Bevölkerung vor neuen Angriffen radikaler Palästinenser zu warnen. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon hat die Raketenangriffe verurteilt.

Der Beschuss der mehr als 70 Kilometer vom Gazastreifen entfernten Stadt bedeutet eine weitere Eskalation. Die israelische Regierung hatte in früheren Konflikten stets mit massiver Vergeltung auf Angriffe auf Tel Aviv oder Jerusalem reagiert. Nahe Tel Aviv befindet sich auch der wichtigste internationale Flughafen des Landes, Ben Gurion.

Hamas: Haifa beschossen

Eine aus dem Gazastreifen abgefeuerte Rakete war am Dienstagabend direkt in ein Haus in Jerusalem eingeschlagen. Verletzt wurde dabei niemand, berichtete das israelische Fernsehen.

Die Hamas erklärte am Dienstagabend, auch die nordisraelische Großstadt Haifa sei beschossen worden. Mit 140 Kilometern Entfernung wäre die drittgrößte Stadt Israels das bisher am weitesten entfernte Ziel der Extremisten. Allerdings berichteten Bewohner, in Haifa habe es keinen Alarm gegeben.

Angriff auf Islamischen Jihad

Israel reagierte darauf mit weiteren Luftangriffen. Dabei sollen in Beit Hanun im nördlichen Gazastreifen nach palästinensischen Angaben in der Nacht auf Mittwoch Hafez Hamad, Anführer der Gruppe Islamischer Jihad, und vier seiner Angehörigen getötet worden sein. Eine bisher nicht identifizierte Frau war ebenfalls unter den insgesamt sechs Todesopfern. Seit Beginn der israelischen Offensive sollen auf palästinensischer Seite mindestens 30 Menschen ums Leben gekommen sein.

Angriff auf Militärbasis

Bei einem Angriff auf eine israelische Militärbasis zweieinhalb Kilometer nördlich des Gazastreifens wurden am Dienstagabend vier bis fünf militante Palästinenser getötet. Der israelische Rundfunk meldete, ein Soldat sei bei Schusswechseln verletzt worden. Die Palästinenser seien offenbar von der See aus gekommen und hätten versucht, in die Basis Zikim einzudringen.

Der bewaffnete Arm der im Gazastreifen herrschenden Hamas habe sich zu der Tat bekannt, erklärten die israelischen Streitkräfte. Angriffe von See gelten als ungewöhnlich, da die israelische Marine ein dichtes Überwachungsnetz unterhält.

Die Al-Qassam-Brigaden, der militante Flügel der Hamas, erklärten, sie hätten zwei israelische Militärstützpunkte mit zehn Katjuscha-Raketen beschossen. Bei einem der Stützpunkte habe es sich um den Posten in Zikim gehandelt, vor dem die über das Meer vorgedrungenen Kämpfer getötet wurden. Das israelische Militär bestätigte diese Angaben zunächst nicht.

Mobilisierung

Nach dem Beginn einer Luftoffensive im Gazastreifen stellt sich die israelische Armee auch auf den Einsatz von Bodentruppen in dem Palästinensergebiet ein. Die Regierung hat der Armee grünes Licht für die Mobilisierung von bis zu 40.000 Reservesoldaten gegeben. Das Sicherheitskabinett habe die Armee dazu ermächtigt, berichteten israelische Medien am Dienstag.

storyful, youtube/israel defense force
Die israelischen Streitkräfte veröffentlichten ein Video, in dem sie die Vorbereitung auf die Militäroffensive dokumentieren.

Die Entscheidung sei wenige Stunden nach einer Serie von Luftangriffen auf Ziele im Gazastreifen getroffen worden, hieß es. Der israelische Militärsprecher Peter Lerner sagte am Dienstag, die Offensive habe zwei Ziele: "Wir wollen der Hamas im Gazastreifen einen Schlag versetzen und die Raketenangriffe auf Israel verringern."

Sicherheitsratssitzung gefordert

Angesichts der Eskalation hat die Arabische Liga eine Krisensitzung des UN-Sicherheitsrats gefordert. In einer Erklärung vom Dienstag hieß es, der Sicherheitsrat solle sich mit der Lage im Gazastreifen befassen.

Einsatz der Bodentruppen "nicht sofort"

Am Montag seien rund 80 Raketen auf israelische Ortschaften abgefeuert worden, sagte Israels Militärsprecher Lerner. "Wir werden dem ein Ende setzen." Es gebe keine zeitliche Beschränkung der Operation. "Wir stellen uns auf den möglichen Einsatz von Bodentruppen ein", so Lerner. "Aber ich denke nicht, dass das sofort passieren wird."

storyful, youtube/israel defense force
Das Video der israelischen Streitkräfte zeigt laut eigenen Angaben die Angriffe in der Nacht zum Dienstag.

Eskalation

Die Gewalt zwischen Israelis und militanten Palästinensern ist in den vergangenen Tagen eskaliert. Beide Seiten beschießen einander seit Tagen mit Raketen und Granaten. In mehreren Städten kam es zu Krawallen. Auslöser waren die Entführung und die Ermordung von drei jüdischen Religionsschülern sowie der mutmaßliche Rachemord an einem palästinensischen Jugendlichen. In der Region wächst die Sorge vor einem neuen Gaza-Krieg sowie einem neuen Palästinenser-Aufstand.

"Operation Protective Edge"

Nach Angaben des israelischen Militärs trägt die nun gestartete Offensive den Namen "Operation Protective Edge" (hebräisch: "Zuk Eitan"). Ihr Ziel sei es, den Terror zu beenden, der die Israelis täglich bedrohe, schrieb ein Sprecher auf Twitter.

Angriffe auf Wohnhäuser seien eine rote Linie, erklärten die Al-Qassam-Brigaden in einer per E-Mail verbreiteten Mitteilung. Sollten diese nicht gestoppt werden, "werden wir darauf mit einer überraschenden Ausweitung unserer Angriffe reagieren".

Regierungsbündnis gebrochen

Im Streit um das Vorgehen angesichts der Eskalation brach Israels Außenminister Avigdor Lieberman das Bündnis seiner Partei mit dem regierenden Likud. Seine Fraktion wolle aber in der von Benjamin Netanjahu geführten Koalition bleiben.

Obama fordert Friedensregelung

US-Präsident Barack Obama rief Israelis und Palästinenser eindringlich zu einer Friedensregelung auf. "Frieden ist möglich", schrieb er in einem Gastbeitrag für die linksliberale israelische Zeitung "Haaretz" vom Dienstag. Beide Seiten müssten aber bereit sein, dafür Risiken einzugehen.

Ban fordert Ende der Angriffe

"Die rücksichtslosen Angriffe auf zivile Gebiete müssen aufhören", sagte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon am Dienstag. Die Eskalation der Gewalt mache ihn sehr besorgt. Er forderte erneut alle Seiten zur größtmöglichen Zurückhaltung auf, um eine weitere Destabilisierung und weitere Todesopfer zu vermeiden. "Es ist zwingend erforderlich, dass wieder Ruhe einkehrt." Die "unhaltbare Situation" in Gaza müsse angesprochen und in eine Lösung des Konflikts einbezogen werden. (APA, 9.7.2014)

  • Luftangriffe in Gaza am Mittwoch.
    foto: reuters/stringer

    Luftangriffe in Gaza am Mittwoch.

  • Die israelische Armee fing mehrere Raketen ab.
    foto: reuters/ratner

    Die israelische Armee fing mehrere Raketen ab.

  • Strandbesucher gehen nach einem Luftalarm in Tel Aviv in Deckung.
    foto: reuters/bar-on

    Strandbesucher gehen nach einem Luftalarm in Tel Aviv in Deckung.

  • Explosionen bei einem Luftangriff in Rafah.
    foto: reuters/mustafa

    Explosionen bei einem Luftangriff in Rafah.

  • Zerstörtes Haus im Süden des Gazastreifens.
    foto: epa/mohammed saber

    Zerstörtes Haus im Süden des Gazastreifens.

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