Die Roboter rollen an

11. Juli 2014, 14:35
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Das Auto wird zum fahrenden Roboter. Autonom und intelligent vernetzt. Ist das Ziel erst erreicht, können Autos ganz anders gestaltet werden

Das Projekt der Moderne ist die Geschichte eines uneingelösten Versprechens: Was wir jetzt noch nicht wissen (Wissenschaft) oder können (Technik), wissen/können wir bald oder jedenfalls irgendwann. Die Verheißung klang derart verlockend, dass sie zur erfolgreichsten Ersatzreligion aller Zeiten wurde. Der Mensch als Schöpfer, der durch seine Geschöpfe (Technik) den Himmel auf Erden schafft. Und schon ist er da, der Gedanke vom künstlichen Menschen, in vielfältiger Form: Homunkulus, Golem; wo wir schon von dem reden: kein Wunder, wenn die Idee zum Roboter ebenfalls in Böhmen geboren wurde. 1920. Fast 100 Jahre später lud der deutsche Automobilkonfektionär und Technologiegigant Mercedes zur zweiten Veranstaltung der interdisziplinären Reihe "Future Talk" nach Berlin, es ging um: Robotik.

Autonomes Fahren

Allerdings weniger um den anthropomorphen Ansatz, sondern darum, zu verdeutlichen, dass die Autos selbst immer mehr zu rollenden Robotern werden, der Begriff autonomes Fahren ist ja ein Megathema der nächsten zehn, 20 Jahre. Und wie komplex sich das darstellt, welche Fülle an Aspekten bedacht werden will, das zeichnete sich in dieser spannenden Gesprächsrunde wenigstens ansatzweise ab.

Mercedes ist nicht der erste Autobauer, der sich nach außen öffnet, den Diskurs mit fachfremden Disziplinen sucht. Zweck: nachdenken (und nachdenken lassen) über Stadt und Mobilität der Zukunft. Man verspricht sich befruchtende Denkansätze aus der Horizonterweiterung, und ein klein wenig kommt auch das Aufschreckmoment durch Quereinsteiger hinzu, Tesla etwa oder Google. In Berlin jedenfalls diskutierten Repräsentanten von Mercedes mit Roboterexperten vom Ars Electronica Futurelab in Linz (Martina Mara, Christopher Lindinger) und der Sprachwissenschafterin Ellen Fricke aus Chemnitz darüber, "wie sich die Menschen künftig mit autonomen Fahrzeugen verständigen können".

Wie also reden, kommunizieren mit der Maschine, mit dem Schlaumeierauto – über Gestik vielleicht? Per heranwischende Handbewegung „Komm sofort zu mir“, per Fingerzeig "Park dich dort ein"? Wie übersetzt sich das unmissverständlich in Nullen und Einsen? Ist das überhaupt ein möglicher Ansatz angesichts unterschiedlicher Sinnbehaftung von Gestik in unterschiedlichen Kulturen? Man wolle sich da beileibe noch nicht festlegen, betonte Alexander Mankowsky, Daimlers hauseigener Zukunftsforscher, aber manches davon wirkt durchaus zielführend.

Umkehrung der Gewichtsspirale

Besonders spannend die Perspektiven, die Thomas Stark, Leiter der soeben gegründeten Abteilung "Neue Fertigungs- und Fabrikkonzepte" bei Mercedes, anknüpfend an Ausführungen über neue Fertigungsroboter (bis hin zum 3-D-Druck ganzer Autos in ferner Zukunft) skizzierte. Sei nämlich eines nicht allzu fernen Tages das unfallfreie Fahren Realität, könne man Autos völlig anders konzipieren und konstruieren. Wesentlicher Aspekt aus Umweltsicht: radikale Umkehrung der Gewichtsspirale, da unter dann anderem all die passiven Sicherheitssysteme überflüssig würden. Kann gut sein, dass die Autos in zehn, 20 Jahren nur mehr die Hälfte von heute wiegen, was beim Verbrennungsmotor dramatisch bessere Verbrauchswerte bewirkt, die dortigen technischen Fortschritte gar nicht mit eingerechnet. Oder die plötzliche Reichweitensteigerung von Elektromobilen allein wegen dieser neuen Leichtigkeit des Seins.

Alles schon da

Davor will aber erst mal sichergestellt sein, dass Mensch und Technik und Infrastruktur wirklich so reibungslos miteinander auskommen, Stichwort Smart City; auch da gibt es etliche und überraschende konkrete Spielansätze. Beispiel: Die Experten vom Ars Electronica Futurelab demonstrierten anhand dreier interaktiver Quadrocopter, wie diese einerseits untereinander zum kollisionsfreien Zwecke kommunizieren und andererseits auf menschliche Gestik reagieren, per vorgehaltene "Bleib mir vom Leibe"-Hand etwa. Selbst Tennis spielen kann man mit so einem Quadrocopter (fungiert da als "Ball") schon. Übersetzt in automobile Dimensionen, lässt sich sagen: Alles prinzipiell schon da, jetzt kommt es nur noch darauf an, die Technik alltagstauglich zu machen und Gesetzgeber und Versicherer auf die Segnungen der robotisierten Mobilität einzuschwören.

Warum aber denkt der Mensch stets an eine menschenähnliche Maschine, den Androiden, wenn er Roboter hört? Science-Fiction-Literatur und -Film prägen das Bild, analysierte Martina Mara, am Ars Electronica Futurelab Expertin für Psychologie von Mensch-Roboter-Beziehungen. Interessantes Arbeitsfeld. Allerdings bleiben wir in 50, 60 Jahren eh alle daheim und lassen unsere Surrogate Auto fahren. Robotermensch in Robotermobil. Wozu dann das Ganze? Was wir jetzt noch nicht können, können wir bald einmal ... (Andreas Stockinger, DER STANDARD, 12.7.2014)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Teilnahme an internationalen Fahrzeug- und Technikpräsentationen erfolgt großteils auf Basis von Einladungen seitens der Automobilimporteure oder Hersteller. Diese stellen auch die hier zur Besprechung kommenden Testfahrzeuge zur Verfügung.

  • Das Klischee gibt dem Roboter menschliche Züge.
    foto: mercedes

    Das Klischee gibt dem Roboter menschliche Züge.

  • Den psychologischen Hintergrund erläutert Martina Mara vom Ars Electronica Futurelab. Aber wie spricht man mit dem Robomobil? Per Fingerzeig vielleicht.
    foto: andreas stockinger

    Den psychologischen Hintergrund erläutert Martina Mara vom Ars Electronica Futurelab. Aber wie spricht man mit dem Robomobil? Per Fingerzeig vielleicht.

  • Mit Quadrocoptern lassen sich Szenarien zur Kollisionsvermeidung durchspielen.
    foto: mercedes

    Mit Quadrocoptern lassen sich Szenarien zur Kollisionsvermeidung durchspielen.

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