Gowex: Tiefer Fall nach steilem Aufstieg

7. Juli 2014, 18:30
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Gratis-WLAN-Hotspot-Betreiber fälschte jahrelang Bilanzen

Dem beispiellosen Aufstieg folgte der Fall ins Bodenlose: Gowex, spanischer Gratis-WLAN-Hotspot-Betreiber, meldete Konkurs an, nachdem sein Chef Jenaro García Martin am Sonntag die Fälschung der Bilanzen über die vergangenen vier Jahre eingestand und seinen Rücktritt bekanntgab. Per Twitter bat er um Entschuldigung und gab an, dass er eine freiwillige Aussage vor der Justiz getätigt habe und "kooperieren wolle".

Laut dem Verwaltungsrat werde das Unternehmen den Gläubigern ihre Schulden wahrscheinlich nicht zurückzahlen können. Deshalb habe sich die Firma zu einem Konkurs entschlossen und suche nach weiteren Wegen, um ihre Interessen zu wahren. Firmenvertreter beantworteten mittlerweile keine Anfragen mehr, und der Manager war nicht für eine Stellungnahme erreichbar.

Das Gowex-Drama begann am Ende der Vorwoche, als US-Analysten von Gotham City warnten, dass der Drahtlosinternet-Betreiber (u. a. Madrid, Santiago de Chile, New York, Dublin), "ein zweites Pescanova" (spanischer Fischkonserven-Gigant) wäre, Umsätze nicht belegen könne und vom Handel an der Börse ausgesetzt werde.

Mehr als eine Self-fulfilling Prophecy, selbst wenn Gowex die Anschuldigungen zurückwies, rechtliche Konsequenzen androhte und eine penible Prüfung seitens PricewaterhouseCoopers in Aussicht stellte. Prompt stürzte der Aktienkurs um mehr als 70 Prozent binnen zweier Tage ab. Börsenwerte von 867 Mio. Euro waren verpufft. Während García Martin Gowex-Hauptaktionär ist, und über 51 Prozent hält, dürften wie die Wirtschaftszeitung Cinco Dias berichtet, etwa 5000 Investoren die im Durchschnitt mit 10.000 bis 15.000 Euro eingestiegen waren, zu den potenziell Geschädigten (darunter Axa und die Landesbank Berlin etwa) zählen.

Gowex-Chef García Martin galt als eines der spanischen Aushängeschilder der schönen, neuen Internet-Welt. Kein Wunder, zählen doch Gewinne. Gowex-Aktien stiegen um mehr als 2000 Prozent zwischen Juli 2012 und April 2014. Vor knapp zwei Wochen erst besuchte Madrids Bürgermeisterin Ana Botella (Partido Popular) deren Firmensitz und lobte das "Referenzunternehmen".

Alles tiefrot

Am Montagmorgen war wegen hoher Zahl an Verkaufsordern der MAB-Handelsstart deutlich verzögert. 2008 als Pendant zum AIM in England oder Deutschlands Neuer Markt gegründet starteten alle darauf gelisteten Werte rot, bis tiefrot in die neue Handelswoche. Zugleich begann wegen herber Kollateral-Kursverluste (zwischen zehn und mehr als 30 Prozent) ein Exodus vom MAB.

Der Handyanbieter Másmovíl Ibercom, Carbures (Kohlenstoff), Ebioss (Energie aus Abfall) und Eurona (Satelliten-Internet) sagten "Adíos" zum MAB. Ersterer stellte ein Ansuchen fortan am regulären Markt (spanische Bolsa Oficial de Valores Española) zu handeln. Nicht zuletzt, weil mangelnde Transparenz nicht zum ersten Mal am MAB kritisiert wurde. (Jan Marot aus Granada, DER STANDARD, 8.7.2014)

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