Kindesmissbrauch: London stellt sich Vorwürfen

7. Juli 2014, 17:23
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Immer neue Enthüllungen zwingen die britische Regierung zum Handeln. Eine Kommission soll nun teilweise mehrere Jahrzehnte zurückliegende Vorgänge öffentlich untersuchen. 

London - Unter dem zunehmenden Druck der Öffentlichkeit hat die britische Regierung eine umfassende Untersuchung historischer Sexualverbrechen gegen Kinder und Jugendliche angekündigt. Man werde "keinen Stein auf dem anderen lassen, um die Wahrheit herauszufinden", sagte Premier David Cameron am Montag.

Eine Expertenkommission werde den diversen Vorwürfen gegen Personen nachgehen, die für die öffentlich-rechtliche BBC, das nationale Gesundheitssystem NHS sowie in Parlaments- und Regierungsstellen arbeiteten. Den Ausschlag gaben jüngste Erkenntnisse aus dem Innenministerium: Dort sind in den 1980er- und 1990er-Jahren 114 Akten über mögliche Sexualstraftaten verloren gegangen oder zerstört worden.

Druck aus den eigenen Reihen

Mehr als 120 Parlamentsabgeordnete fordern teils schon seit mehreren Wochen eine öffentliche Untersuchung. Bisher hatten führende Politiker der konservativ-liberalen Koalition dies unter Hinweis auf laufende Kripo-Ermittlungen abgelehnt. Jetzt will Innenministerin Theresa May der Empörung über die Versäumnisse in ihrem Haus die Spitze abbrechen.

Der behördeninternen Bestandsaufnahme durch den Staatssekretär, bei der das Verschwinden der Akten zutage kam, soll nun eine Untersuchung durch einen hochrangigen Juristen folgen. Im Regierungsviertel gilt das Innenministerium seit langem als schlecht organisiert.

Politische Verstrickungen

Zu den brisanten verlorenen Schriftstücken zählt ein Dossier, das ein konservativer Unterhausabgeordneter 1983 seinem Parteifreund, dem damaligen Innenminister Leon Brittan, übergeben hatte. Angeblich hatte das Papier eine Reihe von Sexverbrechern genannt, darunter auch den BBC- Entertainer Jimmy Savile, dessen Fall die Welle von Enthüllungen der vergangenen Monate in Gang gebracht hat.

Dem Freund der damaligen Premierministerin Margaret Thatcher und prominenten Spendeneintreiber für wohltätige Zwecke werden posthum - Savile starb im Jahr 2011 - hundertfache sexuelle Belästigung von Menschen beiderlei Geschlechts zwischen fünf und 75 Jahren, mehrfache Vergewaltigung und Nekrophilie zur Last gelegt. Die letzte dokumentierte Straftat stammt aus dem Jahr 2009 - ein energisches Einschreiten seitens des Innenministeriums 1983 hätte also ein Vierteljahrhundert übelster Vergehen verhindern können.

Gezielte Vertuschung?

Handelte es sich also um schlichte Schlamperei durch den Minister und sein Ressort, oder wurde gezielt vertuscht? Dieser schlimme Verdacht müsse sich "der Öffentlichkeit aufdrängen", glaubt Labour-Abgeordneter Simon Danczuk. Er vertritt den nordenglischen Wahlkreis Rochdale, dessen früherer liberaler Abgeordneter Cyril Smith ebenfalls posthum als Kindsmisshandler geoutet wurde.

Seit Saviles Entlarvung 2012 haben sich viele Frauen und Männer bei der Polizei gemeldet und eine Serie von Übergriffen sogenannter Celebritys angezeigt. Obszöne Reden, Busengrapschereien, bis hin zur Vergewaltigung - Hunderte von Opfern beschrieben einen teilweise Jahrzehnte zurückliegenden, erschütternden Katalog von Ekelbenehmen und Straftaten.

Prominente unter verurteilten Tätern

Mehrere Täter sitzen mittlerweile als verurteilte Sexualverbrecher in Haft. Zu ihnen zählt auch der bekannte Medienagent Max Clifford (71), der jahrelang die Boulevardpresse mit den Sexskandalen der Prominenz versorgte.

Zuletzt traf es vergangene Woche den australischen Entertainer und Maler Rolf Harris, dem seine Beliebtheit sogar einmal den Auftrag für ein Porträt der Queen eingebracht hatte. Das Krongericht Southwark verurteilte den 84-Jährigen wegen sexueller Nötigung zu sechs Jahren Haft. (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD, 8.7.2014)

  • Im britischen Unterhaus wurde am Montag das delikate Verschwinden dutzender  Akten über mögliche Sexualstraftaten in den 1980er- und 1990er-Jahren aus dem  Innenministerium thematisiert.
    foto: epa/ rain

    Im britischen Unterhaus wurde am Montag das delikate Verschwinden dutzender Akten über mögliche Sexualstraftaten in den 1980er- und 1990er-Jahren aus dem Innenministerium thematisiert.

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