Hinterlistig, versoffen, brutal: Kasperl an der Weltkriegsfront

7. Juli 2014, 17:32
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Grazer Forscherin untersuchte die Rolle der beliebten Puppenfigur im Ersten Weltkrieg

Graz - Ein liebenswerter Kerl mit pausbäckigem Gesicht, Zipfelmütze und buntem Kostüm, der mit seinen Freunden lustige Abenteuer besteht - so kennen Kinder den Kasperl von heute. Im Ersten Weltkrieg war die Figur noch kein harmloser Spaßvogel, auch das Publikum war ein anderes: Soldaten an der Front und im Lazarett im Hinterland, wie an der Uni Graz erforscht wurde.

Hinterlistig, versoffen, brutal: Dass der gutmütige Kasperl bis vor nicht allzu langer Zeit ein fauler Nichtsnutz und krakeelender Trunkenbold war, weiß die Grazer Germanistin Beatrix Müller-Kampel. Sie erforscht seit Jahren den Werdegang vom Taugenichts zur didaktischen Paradefigur. Ihre Studentin Evelyn Zechner-Mateschko hat nun die Auslegung der Kasperl-Figur vor der Kulisse des Ersten Weltkrieges untersucht und zeichnet ein facettenreiches Bild.

Agitation gegen Kriegszweifler

Erst im Laufe der Zeit wurde aus der männlichen Gestalt die fröhliche Kinderfigur: "Die Kasperlfigur wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg zu der niedlichen Figur, die wir heute kennen. Zuvor war die Rolle an Erwachsene adressiert", sagt Zechner-Mateschko. So hetzte der "feldgraue" Kasper zur Zeit des Ersten Weltkrieges gegen afrikanische Kolonialsoldaten, agitierte gegen Kriegszweifler und griff sogar selbst ins Kampfgeschehen ein. "Kasper saust von Sieg zu Sieg", wie es die Grazer Germanistin im Titel ihrer Masterarbeit festhielt.

Puppenbühne an der Front

Die Auslegungen der Figur sei vielfältig: "Sie konnte im Schützengraben kämpfen und mitleidlos Feinde gefangen nehmen, Phrasen dreschen. Oder aber auch kriegsbedingte Missstände im Hinterland kritisieren und opportunistische Kriegsgewinnler anprangern", schildert Zechner-Mateschko. Das Publikum bestand mitunter aus Soldaten, die sich mit den Aufführungen der Front-Puppenbühnen über den freudlosen Alltag hinweghalfen, aber auch aus verwundeten Soldaten im Lazarett.

Im Zuge ihrer Recherchen stieß die Forscherin auf sechs Kasperl-Texte aus der Zeit des Ersten Weltkrieges. "Alle Autoren stammten aus dem bürgerlichen Milieu und waren keine berufsmäßigen Puppenspieler", so Zechner-Mateschko. Der Grazer Autor Fritz Oberndorfer war etwa Leiter des Referats für Kartoffelversorgung und kannte das Leid im Hinterland nur allzu gut, was sich auch in seinen Texten widerspiegelt." (APA/red, derStandard.at, 7.7.2014)

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