Ekstase für alle

10. Juli 2014, 13:11
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Das Festival für sakrale Musik in Fès feierte sein 20-jähriges Jubiläum mit einem Programm, das von akrobatischen Shaolin-Mönchen bis zu Youssou N'Dour reichte

Mit großem Aufwand feierte das "Festival de la Musique Sacrée" ("Festival der sakralen Musik" - wobei man das mit der Sakralität nicht so wörtlich nehmen darf) in Fès soeben sein 20-jähriges Jubiläum. Eingedenk der toleranten und liberalen Tradition der einstigen geistigen, kulturellen und spirituellen Hauptstadt Marokkos widmet es sich seit seiner Gründung nichts geringerem als der Versöhnung aller Religionen und dem Weltfrieden überhaupt.

Das heurige Eröffnungsspektakel, für das weder Mühen noch Kosten gescheut wurden, sollte all diese Bestrebungen noch einmal paradigmatisch zur Schau stellen. Auf dem eindrucksvollen Platz vor dem Stadttor Bab Al Makina gab man das spartenüberschreitende Mega-Spektakel "La Conférence des Oiseaux", basierend auf dem berühmten Buch des persischen Mystikers Farid Ud-Din Attar. Darin begibt sich eine Abordnung von Vögeln (der Adler, die Nachtigall, die Taube, der Wellensittich, der Kranich, der Flamingo etc.) unter der Führung des Wiedehopfs auf die Suche nach dem Großen Vogel Simorgh. Nur um am Ende ihrer langen, beschwerlichen und für viele auch tödlichen Reise mit einem gigantischen Spiegel konfrontiert zu werden. Und mit der Erkenntnis, dass der Schöpfergott letztlich nur sie selbst sind.

Der Text wurde in den 80er-Jahren durch die Dramatisierung des legendären Theaterregisseurs Peter Brook bekannt und seither auch relativ oft an hauptsächlich deutschsprachigen Bühnen nachgespielt. Hier hatte man einen ganz anderen Weg gewählt. Keine handelnden Personen, keine Handlung im eigentlichen Sinne. Stattdessen wurden die einzelnen Stationen der gefiederten "Pilgerreise" durch künstlerische Vertreter der diversen Weltreligionen ersetzt und bevölkert.

Akrobatische Shaolin-Mönche

Den Anfang machten eine Abordnung der wild akrobatischen Shaolin-Mönche- Im "Tal der Suche" fanden wir afrikanische Musiker vor, im "Tal des Erstaunens" die bolivianische Vogelstimmenimitatorin Luzmila Carpio, im "Tal der Einsamen Freiheit" indische Tabla-Spieler und Bharatanatyam-Tänzer, im "Tal der Erkenntnis" ein israelisches Performer-Paar, im "Tal der Liebe " einen griechisch-orthodoxen Chor und im "Tal der Einheit" schließlich wirbelnde Sufi-Derwische. An und für sich eine klare und schlüssige Idee, die nur in der Ausführung etliche Schwächen aufwies.

Vor allem die libanesische Opernsängerin Abeer Nehmé machte durch ihre eitle und pathetische Rezitation (und auch durch die Tatsache, dass sie sich im Schlussdrittel offenbar den Text nicht mehr gemerkt hatte und aus dem Script vorlesen bzw. vorsingen musste) viel spirituelles Porzellan kaputt.

Auch generell krankte die Veranstaltung ein wenig an jener populistischen Ästhetik, von der man gehofft hätte, dass sie ansonsten Eröffnungsveranstaltungen Olympischer Spiele und Europäischer Kulturhauptstädte vorbehalten bleiben würde. Der unvermeidliche Mauerläufer, der mittels eines Seilzugs horizontal sozusagen "die Wände hochgeht" durfte hier somit natürlich ebensowenig fehlen. Aber es gab schöne Musik zu hören, und die Botschaft ist angekommen.

Youssou N'Dour live

Keine Wünsche offen ließ hingegen das Konzert des senegalesischen Weltstars und seit kurzem auch Ministers für Kultur und Tourismus Youssou N'Dour. Mit der mitreißenden Neu-Interpretation der Griot-Musik seiner Heimat begeisterte er das Publikum von der ersten Note an. Der mittlerweile über 50-Jährige schonte sich in keinster Weise. Mehrere Male ließ er das letztlich drei Stunden währende Konzert sozusagen von vorne beginnen, und gewährte großzügigerweise auch seinen Mitstreitern (z.B. einem Wirbelwind-Akrobaten und einem genialen Drummer) breitesten Raum, sich zu präsentieren. Es war eine berauschende Vollmondnacht, in der man sogar ansonsten steife asiatische Uno-Beamte unermüdlich tanzen gesehen hat.

Das Schöne am Fèser Festival aber ist, dass es nicht nur teure Konzert mit Eintrittspreisen von rund 40 Euro für eine Elite aus Einheimischen und Expats programmiert, sondern wie hierzulande beim Donauinsel- und Stadtfest täglich auch große Gratis-Veranstaltungen für das "Volk", die erstaunlicherweise ebenfalls von höchster Qualität sind.

So konnte man auf dem benachbarten Platz Bab Boujloud der marokkanischen Traditionserneuerungsgruppe Jil Jilala zuhören, im Park Jnan Sbil Vertretern der Gnawa-Bruderschaft und im magischen Innenhof des Batha-Museums der malischen Diva Rokia Traoré, stimmungsvollerweise unter einem 200 Jahre alten Baum.

Sufische Nächte

Am beeindruckendsten von all diesen Angeboten waren aber vielleicht die "Sufischen Nächte" im schönen Garten des Dar Tazi. Unter Pinien, Dattelpalmen, Zypressen, Orangen und Lorbeerbäumen priesen vielköpfige Chöre aus Frauen, Männern und Knaben in einem andalusisch angehauchten Musikstil Gott und seine Schöpfung.

Und bis weit über Mitternacht hinaus lauschten die auf blauen Teppichen lagernden Zuschauer atemlos diesen höchst raffinierten und komplexen, wahrlich nicht eingängigen und dezidiert unpopulistischen Gesängen. In besonderen Momenten der Verzückung konnte man sogar beobachten, wie Großväter und ihre Enkel einzelne Phrasen der Gottanrufungslitaneien mitsangen und mit ihren Händen mitskandieren.

Mystik als Menschenrecht. Spiritualität als Grundnahrungsmittel. Offenbarung gebührenfrei. Ekstase für alle. Das kann man gelten, das kann man sich gefallen lassen. Das gibt es sonst nirgendwo. Man muss dazu nach Fès fahren. (Robert Quitta, derStandard.at, 10.7.2014)

  • Shaolin-Mönche auf der Bühne.
    foto: zoubir ali

    Shaolin-Mönche auf der Bühne.

  • Nächtliches Publikum.
    foto: alice dufour-feronce

    Nächtliches Publikum.

  • Minister und Musikstar: Youssou N'Dour.
    foto: alice dufour-feronce

    Minister und Musikstar: Youssou N'Dour.

  • Kinder lauschen Mystik - auf blauen Teppichen.
    foto: zoubir ali

    Kinder lauschen Mystik - auf blauen Teppichen.

  • Die malische Diva Rokia Traoré.
    foto: alice dufour-feronce

    Die malische Diva Rokia Traoré.

  • Sufische Nächte.
    foto: alice dufour-feronce

    Sufische Nächte.

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