Körperenthaarung: Ein hygienisches Muss?

8. Juli 2014, 00:01
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Zwar erfüllen Körperhaare Funktionen, unverzichtbar sind die meisten trotzdem nicht. Im Genital- und Analbereich können sie ein Hygieneproblem darstellen 

Die Haare auf unseren Armen erheben sich zur Gänsehaut, wenn wir frieren - und das, obwohl es nicht viel Sinn macht. Im Laufe der Evolution haben diese sogenannten Vellushaare, die flaumartig den Körper bedecken, zwar weitgehend ihre Bedeutung verloren, nicht aber ihre Funktion: Richtet sich das Fell von Säugetieren bei Kälte auf, vergrößert sich nämlich der darunter eingeschlossene Luftpolster und damit die Isolierschicht. 

Britische Forscher haben zudem herausgefunden, dass Vellushaare der Insektenabwehr dienen. Durch sie sind Parasiten leichter erfühlbar, und Blutsauger brauchen länger, um eine geeignete Biss- oder Stichstelle zu finden. "Auch verhindern Haare in unmittelbarer Nähe zu Körperöffnungen, dass Insekten in den Körper eindringen", erläutert Harald Maier von der Abteilung für Allgemeine Dermatologie am Wiener AKH. "Auf das Kitzeln reagieren Menschen schnell. In der Nase etwa ist der entsprechende Schutzmechanismus das Niesen."

Sexualmerkmal Schamhaar

Im Genital-, Anal- und Achselbereich stellen Haare außerdem ein weibliches oder männliches Sexualmerkmal dar. In der Pubertät bilden sich diese stärkeren sogenannten Terminalhaare - geschlechtsspezifisch verteilt durch den Einfluss von Androgenen, also männlichen Sexualhormonen - aus dem Vellushaar. Körperhaare vergrößern die Körperoberfläche, Schweiß und von Duftdrüsen abgesonderte Pheromone können so leichter verströmen.

Sie aus ästhetischen Gründen zu entfernen ist aus medizinischer Sicht aber unbedenklich: "Auch die Haarlosigkeit ist mit dem Leben vereinbar", erklärt Maier. Er bezweifelt, dass Pheromone heute noch eine bedeutende Rolle bei der Partnersuche spielen: "Wir haben da eine Art Metaebene erreicht und gehen den umgekehrten Weg: Wir waschen Gerüche weg und benutzen Parfums in typisch männlichen oder weiblichen Ausführungen." Duft würde so weiterhin als sexueller Anreiz dienen, wohingegen Körpergerüche in der heutigen Gesellschaft einen eher negativen Touch bekommen haben. "Beim Geschlechtsakt selbst aber senden Körperdüfte sehr wohl Signale an die Partnerin oder den Partner", sagt Maier.

Hygienischer Kahlschlag?

Für viele Frauen und Männer ist die Ästhetik nicht der einzige Grund, ihre Haare zu entfernen, sie finden den Kahlschlag "hygienischer". Zu recht? Geruch und Menge des Schweißes ändern sich durch die Enthaarung jedenfalls nicht, vielmehr haben Achselhaare eine bremsende Wirkung, der Schweiß rinnt nicht so leicht ab. "Es gibt Menschen, die etwa in kritischen Regionen wie der Anal- oder Genitalregion extrem behaart sind. Hier kann schon ein hygienisches Problem auftauchen. Aber keines, dem man nicht auch mit Wasser und Seife zu Leibe rücken könnte", erklärt Maier. Natürlich könnten auch stark behaarte Menschen einen superhygienischen Zustand haben.

Enthaarung ist für Maier vordergründig Ausdruck eines Zeitgeistes, aber keine notwendige Hygienemaßnahme. Auch Kopfhaare müsse man nicht nur deshalb regelmäßig waschen, weil sie fettig werden, sondern auch weil sie Mikroorganismen und Schmutz wie ein Sieb aus der Luft filtern. "Haare ragen tief in die Haut hinein und stecken in Haarfollikeln fest, also in länglichen Einstülpungen der Haut. Das ist eine Schwachstelle, hier können sich etwa Bakterien festsetzen und eine Haarbalgentzündung hervorrufen", sagt der Experte.

Vielfältige Enthaarung 

Dass die verschiedensten Haarentfernungsmethoden, vom Rasieren übers Wachsen bis hin zur Epilation oder (Laser-)Lichtbehandlung für die Haut traumatisierende Ereignisse darstellen, verwundert daher wenig. Kleine Verletzungen entstehen, in die dann Mikroorganismen eindringen können. Die Folgen können vom Rasurbrand über eitrige Karbunkel bis hin zu Abszessen reichen, die operiert werden müssen. Auch bei Pilzinfektionen oder Genitalwarzen sind Traumata gefährlich: Bei aufgeschürten Warzen kommt es zur Aussaat der Viren. In diesem Fall dürfen die Haare höchstens mit dem Trimmer gestutzt werden, bis die Erkrankung abgeheilt ist. "Ein haarloser Genitalbereich begünstigt Geschlechtskrankheiten aber prinzipiell nicht", erklärt Maier.

Selten, aber doch, kommt es zu schwerwiegenden medizinischen Problemen durch Enthaarung: "Bei einer Patientin wurden für eine Laser-Epilation mit einem Stift von einem Haarentfernungsanbieter Felder auf die Haut gezeichnet. Dieser Stift hatte einen Inhaltsstoff, der durch Licht aktiviert wird. Entlang dieses Gitterwerks bekam die Patientin lauter Brandblasen." Bei Menschen mit gebräunter Haut oder dunklem Teint können Licht-Haarentfernungen außerdem zu Hypopigmentierungen führen.

Als schonendste Haarentfernungsmethode empfiehlt Laila El-Shabrawi-Caelen, Fachärztin für Dermatologie und Venerologie an der Uni-Klinik Graz, das "Sugaring",  bei dem statt Wachs eine Knetmasse aus Wasser, Zucker und Zitronensäure zum Einsatz kommt: "Sugaring ist wenig schmerzhaft, der Haarnachwuchs verzögert sich, und es kommt seltener zu Irritationen und Entzündungen."

Genetische Faktoren

Wie ausgeprägt die Körperbehaarung beim Menschen ausfällt, hängt unter anderem von genetischen Faktoren ab oder der individuellen Androgensensibilität. So kann ein hoher Testosteronspiegel beim Mann höheren Alters zu starkem Haarwuchs in Nase und äußerem Gehörgang führen - medizinisch ist auch das unbedenklich.

Tritt bei Frauen plötzlich männlicher Haarwuchs auf, raten Ärzte zu einer Hormonanalyse, um ausschließen zu können, dass es dafür einen krankhaften Hintergrund gibt. "Manche Pillen haben verstärktes Haarwachstum als Nebenwirkung. Das geht aber auch bis hin zu Tumoren, die hormonell aktiv sind und Sexualhormone produzieren", erklärt Maier.

Auch wenn die absolute Nacktheit letztlich medizinisch genauso unbedenklich und hygienisch ist wie der Wildwuchs: Der "Hauch von nichts" dürfte Frauen und Männer gerade in den letzten Jahren vermehrt zu Arztbesuchen veranlasst haben, wie plastische Chirurgen beobachten. Schamlippenkorrekturen und Penisverdickungen sollen scheinbar dafür sorgen, dass nun gut geformt ist, was bei einer Generation davor noch im Verborgenen lag. (Sandra Nigischer, derStandard.at, 8.7.2014)

  • "Auch die Haarlosigkeit ist mit dem Leben vereinbar", sagt der Dermatologe Harald Maier. Der Mann im Bild beweist das.
    foto: reuters/amir cohen

    "Auch die Haarlosigkeit ist mit dem Leben vereinbar", sagt der Dermatologe Harald Maier. Der Mann im Bild beweist das.

  • Filzläuse im Schamhaar sind nicht den Haaren an sich, sondern stark vernachlässigter Intimhygiene geschuldet. Ein Argument für vorbeugende Enthaarung sind sie nicht.
    foto: wikimedia/gerardm/cc-lizenz

    Filzläuse im Schamhaar sind nicht den Haaren an sich, sondern stark vernachlässigter Intimhygiene geschuldet. Ein Argument für vorbeugende Enthaarung sind sie nicht.

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