Gedenken an tausende Patienten in "Kuckucksnest"-Psychiatrie

Ansichtssache7. Juli 2014, 17:28
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Denkmal für "verlorene Seelen", die im vergangenen Jahrhundert in der Psychiatrie starben und vergessen wurden

Fast ein Jahrzehnt ist es her, dass man in einem heruntergekommenen Teil des Oregon State Hospital in Salem, nahe Portland an der US-amerikanischen Westküste, 3500 Kupferurnen mit den verbrannten Überresten ehemaliger Patienten fand, die zwischen 1914 und 1970 in die Psychiatrie eingewiesen worden waren. In dieser Zeit wurden mehr als 5300 Menschen im Krematorium des Krankenhauses eingeäschert. Die meisten waren Patienten der Anstalt, einige starben auch im Landes-Tuberkulose-Krankenhaus sowie im Staatsgefängnis, in dem geistig behinderte Menschen inhaftiert waren. 2005 wurden die Urnen in einem Raum gefunden, den 30 Jahre lang niemand mehr betreten hatte.

Spital war Filmkulisse für "Einer flog über das Kuckucksnest"

An diesem Montag wird ein Denkmal eingeweiht, das an die vergessenen Patienten erinnern soll. Außerdem sollen die Urnen noch lebenden Verwandten zurückgegeben werden. Das Spital wurde über die Grenzen Oregons hinaus berühmt, als es Drehort für den Oscar-prämierten Film "Einer flog über das Kuckucksnest" war. Die Behandlung psychisch Kranker markiert eine dunkle Episode in der Geschichte des Hauses. Die Urnen wurden zum Symbol für die Opfer psychiatrischer Behandlungen Anfang und Mitte des 20. Jahrhunderts.

Lebenslang in der geschlossenen Anstalt

Manche Patienten waren nur wenige Tage im Spital, andere verbrachten fast ihr ganzes Leben in der Anstalt - bis sie starben. Oft litten sie an Krankheiten wie Depression, bipolarer Störung oder an Epilepsie. "Die Erkrankten wurden an einen 'sicheren Ort' gebracht und dort so behandelt, wie man dachte, dass es richtig sei", sagt Sharon Tucker, die das Forschungsprojekt leitete. In vielen Fällen wollten die Familien ihre kranken Angehörigen loswerden, Heilungschancen bestanden oft keine. Es gibt nur spärliche Aufzeichnungen zu den Krankenakten, sogar von denjenigen Patienten, die Jahrzehnte hinter den Mauern der Psychiatrie lebten.

Verschiedene Nationalitäten und Ethnien

Die Kranken stammten aus allen Schichten und amerikanischen Bundesstaaten, auch aus dem Ausland. Insgesamt 44 Geburtsländer konnten bislang eruiert werden. Auch 22 amerikanische Ureinwohner sind unter den Verbrannten. Ihre Urnen sind nicht Teil der Gedenkfeier, sie werden für eine eigene Zeremonie ihren Stämmen zurückgegeben. 38 der 3.500 Urnen können nicht zugeordnet werden. Sie sind unbeschriftet, haben doppelte Nummern oder wurden nicht in den Krematorienbüchern vermerkt.

foto: ap photo/oregon state hospital

Viele Urnen wurden nie vermisst, nie abgeholt. Langwierige Forschungen sollten seit dem Jahr 2005 die Geschichten dieser "verlorenen Seelen" aufdecken, jener, die sich durch die großen Hallen und kleinen Zimmer des Spitals bewegt hatten, um therapiert zu werden. Seit Jahren arbeitet ein Forschungsteam daran, Kontakt mit noch lebenden Angehörigen verstorbener Patienten aufzunehmen. Es wurde dazu eine Online-Datenbank erstellt.

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foto: ap photo/jonathan j. coope

S. Erickson wurde am 2. Februar 1929 im Alter von 78 Jahren in die Klinik eingewiesen. Ein Arzt vermerkte bei der Anamnese, er "ginge nachts nackt spazieren" und sei senil. Laut des Berichts war der grauhaarige und blauäugige Erickson am 22. August 1883 per Dampfschiff aus Norwegen nach New York gekommen.

"Ohne irgendeine Art von Anerkennung zur letzten Ruhe gebettet zu werden, will niemand", sagt der Senatspräsident Peter Courtney. "Die Toten sollen ein Andenken bekommen, dass sie hier waren, dass sie lebten, dass sie zu etwas beigetragen haben."

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foto: ap photo/jonathan j. cooper

Nencel Dvorak, ein in Böhmen geborener Sattler, war gerade 33 Jahre alt, als er am 31. Jänner 1890 Wahnvorstellungen bekam und in die Anstalt eingewiesen wurde. Er gab an, sich verfolgt zu fühlen und dass die Verfolger spitze Bemerkungen über seine Frau machten. Die wenigen Anmerkungen zu seiner Krankengeschichte zeigen, dass ihn die zwanghaften Halluzinationen nicht mehr losließen. Er blieb über 40 Jahre in der Psychiatrie.

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foto: ap photo/oregon state hospital

Susan Weber kam am 26. Juli 1926 mit 82 Jahren ins Dammasch State Hospital, eine inzwischen geschlossene psychiatrische Anstalt. Die Witwe wurde von ihrer Schwester und einem Freund eingewiesen, die sich in den drei vorangegangenen Jahren um sie gekümmert hatten. Als sie es nicht mehr schafften, gaben sie sie in ein Pflegeheim. Doch dieses entließ Weber wieder, weil sie - wie der Bericht eines Sozialarbeiters wiedergibt - fortwährend durch die Zimmer der anderen Bewohner gewandert und deren Besitz durchwühlt hatte.

Die Überreste Ericksons, Dvoraks, Webers und der vielen anderen der 3500 ehemaligen Patienten des Oregon State Hospital wurden nun aus den Kupfergefäßen in Keramikurnen überführt. (AP/melz, derStandard.at, 7.7.2014)

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