Trance – Tanz – Trost

Blog7. Juli 2014, 12:07
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Der Schriftsteller Ilija Trojanow über Philip Glass' "Echnaton" am Theater Heidelberg

Vielleicht ist die Musik von Philip Glass ein Vorläufer des Techno. Nahe an der Trance, im Rhythmus redundant, intensiver erfahrbar mit einem Spliff in der Hand in klarer Wüstennacht irgendwo zwischen Kairo und Luxor (sagen wir etwa in Amarna) als auf den gemütlichsten Opernstühlen der Republik in Heidelberg. Umrahmt von einem Zikr der Sufis, vor einem Heiligengrab. Quasi liturgisch, aber universell kosmologisch. Es ist gut vorstellbar, dass die Musik von Philip Glass sowohl den Zuñi-Indianern in New Mexiko als auch der Hofgesellschaft zu Theben so sehr gefallen haben könnte wie dem heutigen Publikum. Sie heiligt die Töne, die vom Glauben abgefallen sind. Folgerichtig wird zu dieser Musik, die rituell nie aufhören dürfte, szenisch aber stets etwas zu langwierig wirkt, in ägyptischer, akkadischer und aramäischer Sprache gesungen. Sätze, die rationalen Sinn ergeben, wären fehl am Platz. Passend hingegen die metaphysische Präsenz eines Mantras, wie etwa

Offen sind die Doppeltüren des Horizontes,
Entriegelt sind seine Riegel.
(aus den Pyramidentexten des Alten Reichs)

foto: florian merdes

Da wir aber im Theater sitzen, stellt sich die große Frage, wie dieses seit dreißig Jahren in Deutschland nicht mehr szenisch aufgeführte Stück über einen Pharao aus uralten Zeiten, der vielleicht als einer der ersten Herrscher auf Erden mit Monotheismus sakral experimentiert hat, zu dramaturgischem Leben erweckt werden kann. Die von Nanine Linning entwickelte Lösung ist so einfach wie großartig: durch Tanz. Denn die trancehaften Töne und Rhythmen von Glass streben nach Bewegung, sie entfalten eine physische Prägnanz, die in der Oper selten zu erleben ist. Die Regisseurin und Choreografin spricht von „körperlicher Logik“. Tanz ist die semantische Verbindung zwischen Mantra und Minimal Music, der Tanz erzählt die Geschichten, die einem im esoterischen Mixer zusammengerührten Libretto narrative Struktur verleihen. Und so wird getanzt, von Anfang bis zum Ende, und durch den Tanz wird jede Redundanz geadelt und jede sphärische Entrückung in die Bodenständigkeit der Bewegung übersetzt.

foto: florian merdes

Höhepunkt: Der Tanz, der Tanz, der Tanz – lässt sich diese Oper ohne Tanz überhaupt aufführen?

Coda: An einem Sommerabend, an dem bei der WM ein Entscheidungsspiel stattfindet, finden sich über fünfhundert Zuschauer in den eleganten Marguerre-Saal ein, Menschen aus allen Altersgruppen, um begeistert modernes Musiktheater zu erleben. Oper tot? Von wegen! (Ilija Trojanow, derStandard.at, 7.7.2014)

  • Trojanows Operama
Unser gegenwärtiges Opernleben ist reichhaltig, aber ist es auch relevant? Auf subjektiv eigenwillige Weise, in einem literarischen Ton, wird Ilija Trojanow die Bedeutung des Musiktheaters heute anhand von aktuellen Aufführungen in Wien und anderswo unter die Lupe nehmen. Und sich immer wieder die Frage stellen, ob und wie sich unsere Zeit in den Inszenierungen widerspiegelt. Hintergrundberichte, Porträts und Interviews runden das Operama ab.

Echnaton – Philip GlassTheater Heidelberg, 28. Juni 2014
    bild: oliver schopf

    Trojanows Operama

    Unser gegenwärtiges Opernleben ist reichhaltig, aber ist es auch relevant? Auf subjektiv eigenwillige Weise, in einem literarischen Ton, wird Ilija Trojanow die Bedeutung des Musiktheaters heute anhand von aktuellen Aufführungen in Wien und anderswo unter die Lupe nehmen. Und sich immer wieder die Frage stellen, ob und wie sich unsere Zeit in den Inszenierungen widerspiegelt. Hintergrundberichte, Porträts und Interviews runden das Operama ab.

    Echnaton – Philip Glass
    Theater Heidelberg, 28. Juni 2014

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