Erste jugendliche Asylwerber machten Pflichtschulabschluss

7. Juli 2014, 11:46
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13 Jugendliche schafften Abschluss mit Projekt Prosa

Wien - Jugendliche Asylwerber sind in Österreich oft zum Nichtstun verurteilt: Ab 16 können sie nicht mehr ins Regelschulsystem einsteigen, an Volkshochschulen müssen sie auf Restplätze hoffen, Arbeit ist nur als Saisonnier möglich. Das Projekt "Prosa - Projekt Schule für Alle!" bietet ihnen Kurse zur Vorbereitung auf den Pflichtschulabschluss an. Am Montag werden die ersten 13 Absolventen gefeiert.

Eine von ihnen ist die 25-jährige Armenierin Layle, die seit 2006 in Wien lebt. Als eine der ersten hat sie sich im Oktober 2012 bei Prosa angemeldet, nachdem sie zuvor lange erfolglos nach einer Möglichkeit gesucht hatte, ihren Pflichtschulabschluss zu machen. Ohne Aufenthaltstitel und Krankenversicherung keine Chance, sagte man ihr stets. "Ich war wirklich schon sehr verzweifelt." Über den Verein Ute Bock kam sie schließlich zu Prosa, vor zwei Wochen hat sie die Pflichtschule per Externistenprüfung erfolgreich abgeschlossen.

Nächste Station Abendschule

Für Layle und die anderen Absolventen eröffnet das Pflichtschulzeugnis ganz neue Perspektiven, sagt Projektleiter und Prosa-Mitgründer Sina Fahramandnia. "Sie haben viel mehr Möglichkeiten, denn davor haben sie de facto gar keine." Einige der ersten Absolventen werden künftig eine Abendschule besuchen, einer hat die Studienberechtigungsprüfung begonnen, eine andere beginnt eine Lehre.

Mit Einschränkungen haben sie aber weiter zu kämpfen: Anspruch auf einen Abendschulplatz haben sie nicht und sind deshalb auf den guten Willen der Schulleitung angewiesen. Allerdings hat Prosa etwa mit dem Abendgymnasium am Henriettenplatz in Wien Rudolfsheim-Fünfhaus eine Kooperation abgeschlossen. Eine Chance auf einen Lehrplatz haben Asylwerbern nur, wenn sie sich für einen Beruf mit nachgewiesenem Lehrlingsmangel interessieren. Aber selbst für jene, die nur als Saisonarbeiter als Küchenhilfe arbeiten wollen, ist der Pflichtschulabschluss wichtig, sagt Fahramandnia. Die Jobchancen seien damit höher.

Buddy-Projekt mit Gymnasium

Neben der Möglichkeit zur Bildung und Unterstützung durch Sozialarbeiter setzt Prosa auch auf Inklusion der Asylwerber, was gleichzeitig als rassismuskritische Arbeit verstanden wird: Es gibt ein Buddy-Projekt mit Schülern der AHS Rahlgasse in Wien-Mariahilf, in der die Asylwerber am Nachmittag unterrichtet werden, und weitere Angebote wie Chor, Fußballmannschaft und Theatergruppe, die sie mit der lokalen Bevölkerung zusammenbringen sollen. Für Layle ist auch dieser Teil von Prosa "unglaublich wichtig" gewesen: "Ich habe dort unglaublich viele Freunde gefunden, die ich ohne Prosa niemals kennengelernt hätte."

Entstanden ist die Idee zu Prosa aus Unmut über die Zustände in den Grundversorgungsheimen: "Wir haben 60 junge Menschen zwischen 16 und 30 Jahren gesehen, die alle tagein, tagaus nichts gemacht haben außer zu warten." Die meisten haben traumatische Fluchterfahrungen hinter sich, mit denen sie alleine zurechtkommen mussten.

Schüler aus 15 Staaten

Bei Prosa lernt nun ein bunter Haufen Jugendlicher gemeinsam: Die derzeit 56 Schüler kommen aus 15 Staaten, von China über den Irak bis Kenia und Tschetschenien. Einzige Voraussetzung: Sie müssen vorher mindestens einen Deutsch-Grundkurs absolviert haben. Darauf haben - im Gegensatz zu Bildungsangeboten - auch fast alle Jugendlichen unter 18 Anspruch. Die meisten Prosa-Schüler sind um die 20 Jahre alt, ihre Vorbildung könnte aber unterschiedlicher nicht sein: Die einen waren bis zu 14 Jahre in der Schule, andere haben nicht einmal Schreiben und Lesen in der eigenen Sprache gelernt.

Das Schulkonzept wurde daran angepasst: So gab es etwa in Mathematik in den vier Prosa-Klassen des ersten Jahrgangs neun verschiedene Gruppen auf unterschiedlichen Niveaus, in Deutsch waren es noch mehr. Das modulare Kurssystem bei Prosa soll außerdem ermöglichen, dass die Schüler in jedem Fach entsprechend dem jeweiligen Wissensstand unterrichtet werden. Ein Schüler mit Sprachdefiziten kann damit in Deutsch noch in der ersten Klasse sitzen, in Mathe aber schon in der vierten.

Keine öffentliche Förderung

Größte Teil der Arbeit bei Prosa wird ehrenamtlich erbracht, wie Fahramandnia betont. "Finanziert wird das nicht." Öffentliche Förderungen gibt es keine, weil Asylwerber keinen Anspruch auf Förderungen für eine formale Qualifikation wie den Pflichtschulabschluss haben. "Die zuständigen Ministerien sagen konkret: Die Zielgruppe der Asylwerber ist nicht förderwürdig", beklagt er. Schließlich stehen sie dem Arbeitsmarkt nur sehr eingeschränkt zur Verfügung und könnten noch dazu nach einem negativen Asylbescheid das Land verlassen müssen.

Gerade auf das Asylverfahren habe die Betreuung durch Prosa positive Auswirkungen, so Fahramandnia. Denn das Bildungsangebot und der Kontakt zur einheimischen Bevölkerung würden den Asylwerbern teilweise erst ermöglichen, die Kriterien zur Anerkennung zu erfüllen. Fünf der 13 Schüler des ersten Jahrgangs haben mittlerweile einen positiven Bescheid erhalten.

Was Layle künftig machen will, weiß sie schon genau: Psychologie oder Informatik studieren. Bei der Suche nach einem Platz an einer höheren Schule ist sie allerdings schon wieder auf Hürden gestoßen: Mangels Aufenthaltstitel will keine Schule sie aufnehmen. Durch Prosa hat sie zwar die Zusage für einen Platz am Abendgymnasium Henriettenplatz, eine HTL wäre ihr allerdings noch lieber. Am ersten Schultag will sie mit positivem Pflichtschulabschluss und Krankenversicherungsbestätigung vor Ort ihr Glück versuchen. (APA, 7.7.2014)

  • Die Schüler und Schülerinnen mit ihren Zeugnissen.
    foto: prosa

    Die Schüler und Schülerinnen mit ihren Zeugnissen.

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