Deutscher Historiker Hans-Ulrich Wehler verstorben

7. Juli 2014, 07:13
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Hauptvertreter der "Bielefelder Schule" und Autor der "Deutschen Gesellschaftsgeschichte"

Berlin - Hans-Ulrich Wehler, einer der wichtigsten Historiker Deutschlands, ist am Samstag im Alter von 82 Jahren in Bielefeld gestorben. Wehler war Professor in Bielefeld und ein Hauptvertreter der kritischen Sozialgeschichte ("Bielefelder Schule"). Seine fünfbändige "Deutsche Gesellschaftsgeschichte" ist ein Standardwerk der deutschen Geschichtsschreibung.

Gesellschaftliche Verhältnisse vor Persönlichkeiten

Wehlers wissenschaftliche Karriere startete holprig. Seine erste Habilitation über den "Aufstieg des amerikanischen Imperialismus 1865 bis 1900" lehnte die Universität Köln ab. Erst die zweite mit dem Titel "Bismarck und der Imperialismus" wurde mit knapper Mehrheit angenommen.

Mit Fragestellungen des Soziologen Max Weber im Hinterkopf wurde Wehler zu einem Vater der "Historischen Sozialwissenschaft". Seine Beschreibung von Geschichte beruht auf den fünf Aspekten Bevölkerung, Wirtschaft, Soziale Ungleichheit, Politik und Kultur. Im Gegensatz zu vielen Kollegen waren ihm gesellschaftliche Verhältnisse und Entscheidungsprozesse wichtiger als die handelnden Personen. Kritiker fanden das gelegentlich etwas blutleer.

Gegen Nolte im Historikerstreit

Als renommierter Historiker hatte der streitbare Wehler seit Jahrzehnten die nötige Beachtung, um in zahlreichen Debatten gehört zu werden. Und er scherte sich dabei kaum um die vermeintliche Mehrheitsmeinung. Nach Einschätzung seines Fachkollegen Ulrich Herbert hat er die deutsche Geschichtswissenschaft modernisiert wie kein anderer Historiker nach 1945. "Wehler hat eine ungeheure Wirkung erzielt." Er habe das Geschichtsbild weit über die Universitäten hinaus bis in die Schulen und in das öffentliche Bewusstsein verändert.

Im Historikerstreit von 1986/87 stellte sich Wehler klar an die Seite seines Jugendfreundes Jürgen Habermas, mit dem er zusammen in der Hitlerjugend und auf dem selben Gymnasium in Gummersbach war. Beide wiesen die Thesen des Historikers Ernst Nolte über einen Zusammenhang zwischen den Verbrechen der Bolschewisten und der Nationalsozialisten scharf zurück.

Einmischer in aktuelle Debatten

Wehler schlug vor, die März-Revolution von 1848 mit einem Nationalfeiertag zu würdigen. 1999 sprach er sich dafür aus, das Reichstagsgebäude in Berlin weiterhin Reichstag zu nennen. 2002 kritisierte er vehement einen möglichen Angriff auf den Irak. Später warnte er, der Krieg werde den muslimischen Fundamentalismus anheizen.

2008 warnte Wehler, der der SPD nahestand, vor einer Öffnung der Sozialdemokraten zur Linken. Und er sprach sich für die Publikation einer historisch-kritischen Ausgabe von Adolf Hitlers Hetzschrift "Mein Kampf" aus. In der Finanzkrise befürwortete er eine Regulierung der Finanzmärkte. Auch propagierte er eine Direktwahl des Bundespräsidenten als geeignetes Mittel gegen die Politikverdrossenheit. Und er lehnte 2002 einen EU-Beitritt der Türkei ab. Zur Begründung verwies er auf Demokratiemängel, eine fehlende Aufarbeitung der jüngsten türkischen Geschichte und den türkischen Islamismus.

Als Wehler 2008 den letzten Band seines fünfteiligen Monumentalwerks "Deutsche Gesellschaftsgeschichte" vorlegte, sorgte er erneut für lebhafte Debatten. Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck würdigte ihn nun als "unverwechselbare Instanz der Orientierung in unserer Gesellschaft". (APA, 7.7.2014)

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