Eine Entschuldigung namens Neymar

Video7. Juli 2014, 13:34
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Nach Abklingen des Schocks wird in Brasilien die Verletzung von Neymar sogar als Ansporn für die Seleção begriffen. Und, falls nötig, als ideale Ausrede

Der Jubel über den Aufstieg ins Halbfinale, die Erleichterung der Seleção, des ganzen Landes, waren schnell lähmendem Entsetzen gewichen. David Luiz, Schütze des vorentscheidenden zweiten Treffers beim 2:1 der Brasilianer über Kolumbien, der zuvor den weinenden Jungstar des Gegners, James Rodríguez, getröstet hatte, brach selbst in Tränen aus, als ihn in den Katakomben des Estádio Castelão zu Fortaleza die Hiobsbotschaft ereilte.

Stürmer Fred musste ein Interview abbrechen, als ihm der Reporter die Nachricht zukommen ließ: Neymar, vor Spielende nach einer Attacke von Juan Zúñiga mit schmerzverzerrtem Gesicht vom Feld getragen, fällt für den Rest der WM aus. "Ney, du kannst dir sicher sein, wir halten fest zusammen", stammelte Fred mit Tränen in den Augen in die Kameras.

Wen Gott liebt

Fast ebenso schnell, wie sich der Grad der Verletzung herumgesprochen hatte - Neymar erlitt einen Bruch eines Querfortsatzes am dritten Lendenwirbel, vier bis sechs Wochen Pause -, prasselten Genesungswünsche auf den 22-Jährigen ein. Lionel Messi, Teamkollege beim FC Barcelona, twitterte als einer der Ersten. Vom Halbfinalgegner Deutschland drückten Philipp Lahm und Sami Khedira ihr Bedauern aus.

Und Übeltäter Zúñiga - der Profi des SSC Napoli brauchte nicht lange auf erste Morddrohungen zu warten - beteuerte, "keine böswillige Absicht" gehegt zu haben. Der 26-Jährige wandte sich persönlich an Neymar: "Ich bewundere und respektiere dich. Ich hoffe, dass du dich gut erholst und schnell zurückkommst."

Neymar selbst meldete sich nach seiner Erstversorgung, und ehe er nach Hause geflogen wurde, mittels Videobotschaft auf der Webseite des brasilianischen Verbandes: "Mein Traum ist nicht vorbei. Er wurde unterbrochen, aber er bleibt bestehen. Ich bin mir sicher, dass meine Kameraden alles dafür geben werden, dass sich mein Traum vom Weltmeistertitel erfüllen wird."

storyful, youtube/brazilian football confederation
Neymars Video geht um die Welt.

Staatsaffäre

Diese Richtung hatte Staatspräsidentin Dilma Rousseff schon per Twitter vorgegeben: "Wir müssen zusammenstehen für die Seleção." Die Mannschaft von Coach Luiz Felipe Scolari soll aus dem Unglück Kraft schöpfen. Pelé machte der Nation Mut, erinnerte an die WM 1962 in Chile. Der Star hatte im zweiten Spiel der Vorrunde gegen die Tschechoslowakei einen Muskelfaserriss erlitten und konnte in der Folge nicht mehr eingesetzt werden, Spieler wie der junge Amarildo und Garrincha sprangen ein. Pelé: "Ich war nicht dabei, aber Gott hat Brasilien mit dem Gewinn des Titels beschenkt. Ich hoffe, dass das Gleiche mit unserer Seleção passiert."

Die Brasilianer haben oft mit ihrer Mannschaft gehadert. Hulk und Daniel Alves wurden von den Kritikern zerrissen. Stürmer Fred, der vor einem Jahr noch beim Confederations Cup brilliert hatte, wurde von den Fans ausgebuht, verspottet und zum schlechtesten Spieler der Mannschaft gewählt. Der Druck auf das Team war derart hoch, dass die ganze Nation besorgt über die emotionale Stabilität der Spieler diskutierte - zumal nach den Emotionsausbrüchen infolge des gewonnenen Elfmeterschießens gegen Chile.

Heldenhaft oder entschuldigt

Durch Neymars Schicksal hat sich die Stimmung völlig gewandelt. Die sonst so kritischen Sportkommentatoren sind einerseits voller Mitgefühl, glauben aber andererseits, dass Neymars Ausfall sogar positive Seiten haben könnte: "Wenn Brasilien den Titel gewinnt, ist das ein heroischer Sieg. Wenn wir verlieren, haben wir eine überzeugende Entschuldigung dafür", schrieb die Tageszeitung "Folha de São Paulo". Nicht wie bisher die offensichtlichen Mängel, sondern die Vorzüge der möglichen Ersatzleute für Neymar wie Jo oder Willian werden besonders eifrig thematisiert.

Und in der Stunde der Not ist auch die Kritik an der überdimensional teuren WM verstummt. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Datafolha sind inzwischen 63 Prozent der Befragten für das Spektakel im eigenen Land.

Selbst Präsidentin Rousseff kann sich über wachsende Zustimmung freuen. Ein pathetischer offener Brief wird ihr noch ein paar Sympathiepunkte bringen: "Es brach mein Herz und das Herz jedes Brasilianers, als wir den Schmerz in deinem Gesicht auf dem Fußballfeld mit ansehen mussten", schrieb Rousseff, "aber wir sahen dort auch die unglaubliche Stärke eines großen Kriegers, der sich, auch wenn er verwundet ist, nie aufgeben wird." (Susann Kreutzmann aus São Paulo, DER STANDARD, 7.7.2014)

  • Neymar sollte in vier bis sechs Wochen wieder halbwegs fit sein. Weltmeister im eigenen Land kann er ebenfalls noch werden. Er ist sich sicher, dass seine Kollegen "alles tun werden, um diesen Pokal zu heben".
    foto: apa

    Neymar sollte in vier bis sechs Wochen wieder halbwegs fit sein. Weltmeister im eigenen Land kann er ebenfalls noch werden. Er ist sich sicher, dass seine Kollegen "alles tun werden, um diesen Pokal zu heben".

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