Große Mütter, Väter, Töchter, Söhne

Kommentar der anderen6. Juli 2014, 17:38
232 Postings

Es sind nicht nur antiemanzipatorische Machos - auch progressive Autoren bemängeln Eingriffe: über den Streit um die Bundeshymne und das bisherige Scheitern der Geschlechterpolitik

Alexandra Föderl-Schmid fragte im STANDARD vom 5. Juli zu Recht, warum es bei Fragen der Gleichberechtigung nicht "weniger emotional" zugehen könne - gemeint sind die gehässigen Postings gegen Ministerin Heinisch-Hosek wegen ihrer Belehrung Herrn Gabaliers zur Bundeshymne. Vielleicht sind die Gründe hierfür wirklich die Kernfrage in diesem Shitstorm-Exzess. Ist es angesichts der breiten Unterstützung des Originaltextes der Bundeshymne nicht etwas zu einfach, hier nur finstere Machos als Verursacher antiemanzipatorischer Trends zu orten? Man könnte ja wirklich auch einmal fragen (ohne gleich gerügt zu werden), was an diesen Emanzipationsprozessen möglicherweise schief gelaufen ist, was die Genderpolitik hier versäumt hat und was an Vermittlungsebenen nicht erreicht worden ist.

Selbstredend sind Mütter, Väter, Töchter und Söhne Österreichs in einer offiziellen Hymne in gleicher Weise zu würdigen. Allerdings war die Veränderung eines historischen Textes - auch vonseiten fortschrittlicher Autoren wie Gerhard Ruiss - immer schon kritisiert worden, nicht nur von den Nachkommen Frau Preradovics. Tatsächlich sind Eingriffe in nur historisch verstehbare Kulturwerke ein problematischer Vorgang. Deshalb hätte man besser einen neuen Text schreiben lassen sollen, zum Beispiel verbunden mit einem Wettbewerb junger AutorInnen.

Hoamat, Hünderl, Herrl

Würde man das Gendern verschiedenster Hymnen konsequent weiterführen, müsste übrigens auch die Europa-Hymne und mit ihr der große Friedrich Schiller dran glauben: Dessen "Ode an die Freude" handelt ja nur von der Freundschaft von Männern (= "Brüder"), und wer von denen dann auch noch "ein holdes Weib errungen", könne in den Jubel einstimmen - eine denkbar einseitig-patriarchale Geschlechterinszenierung. Meine oberösterreichische Heimathymne wiederum benachteiligt die Väter (und auch Hundehalterinnen) ganz offen, weil darin die Kinder "'s Hoamatland" wie "a Muater" bzw. wie "a Hünderl sein Herrn" lieben, also von Vätern bzw. "Frauerln" keine Spur. Zudem sei die "Hoamat" gleich einem zweiten "Muaterleib", was oberösterreichische Väter zusätzlich aufs Abstellgleis verbannt.

Die Salzburger Landeshymne gehörte überhaupt radikal gegendert - oder auf den Müllhaufen der Geschichte: Dort wird andauernd das "Land unserer Väter" besungen. Zwar ist Salzburg darin ein einziges Mal auch "Mutter und Wiege", dafür aber auch ausschließlich "Scholle der Väter", als ob Mütter keinen Heimatboden abgäben.

Die steirische Hymne ist nicht viel besser: Abgesehen davon, dass beharrlich nur von "Steirern" und nicht von Steirerinnen gesungen wird, wagt dort nur "der Jäger kühn sein Leben", während nur "die Sennerin frohe Jodler singt" - eine äußerst klischeehafte Geschlechtsrollen-Performation, unter der nicht nur emanzipierte Jagdverbände, sondern auch Chöre, bei denen Männer heute ja Mangelware sind, zu leiden haben. Man sieht - es gäbe viel zu tun, wenn man es wagte, an alle alten Texte Hand anzulegen. Kaum auszudenken, was dann erst an Shitstorms wegen dieser Veränderungen losbräche!

Dies führt zum Ernst der Sache zurück: Offenbar sind, abgesehen von der Fragwürdigkeit des Eingriffs in historische Dichtung, viele Menschen mit dem Wandel der Geschlechterverhältnisse emotional nie vertraut geworden.

Es ist mir zu billig, aufgrund wild gewordener Poster, die jeder, der einmal etwas veröffentlicht hat, kennt, nur auf veränderungsresistente Männer hin zu generalisieren, dazu hat der alte Hymnentext auch zu viele weibliche Unterstützerinnen. Dagegen sollten wir uns fragen, wie Geschlechterpolitik in Schule, Bildung, Universität und Politik anders als bisher - vielleicht auch in einer mittlerweile gereiften Gemeinsamkeit von Frauen und Männern - vermittelt werden kann.

Denn auch in der Politik werden Genderfragen immer noch fast ausschließlich als Frauenanliegen und zu oft als schwarz-weiß, weiblich-männlich, gut-böse verstanden, was ihrer Akzeptanz offenbar Grenzen setzt. Und das müsste - Hymnen hin oder her - nicht sein. (Josef Christian Aigner, DER STANDARD, 7.7.2014)

Josef Christian Aigner (59) ist Psychoanalytiker und Professor für Bildungswissenschaften an der Universität Innsbruck.

Share if you care.