Kinder kriegen - und Kinder in den Krieg schicken

6. Juli 2014, 17:35
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Miguel Herz-Kestranek überzeugte in einer famosen Nestroy-Inszenierung - Die Uraufführung "1914 - Zwei Wege in den Untergang" enttäuschte

Reichenau an der Rax - Johann Nestroy, der Bulldozer unter den österreichischen Volksstückschreibern, hat seine Stoffe im sogenannten Affentempo ausgewalzt. War ein neues, saftiges Vaudeville aus Paris zu vernehmen, begab sich der Vieldichter schon an die Bearbeitung für die Wiener Bühnen des Carltheaters.

Die Komödie "Unverhofft" entstand unter nämlichen Umständen - rasch gezimmert für eine Benefizvorstellung zugunsten von Hochwasseropfern in Böhmen anno 1845. "Unverhofft" erzählt von einem Familienpatchwork, in dem es der in Sachen Ehe und Kindererziehung entschieden abstinente Herr von Ledig (sprechende Namen gehören zu Nestroys Modus Operandi) eines Abends mit einem in seinem Schlafzimmer anonym hinterlegten Baby zu tun bekommt.

Und weil in diesem normalerweise von sich selbst am allermeisten beglückten Privatier doch alsbald Vatergefühle erwachen und man zudem damals praktischerweise Ammen in Dienst nehmen konnte, wird sich alles zum Guten wenden. Die Suche nach den Kindsweglegern entfesselte bei der Premiere am Samstag im Rahmen der Festspiele Reichenau jedenfalls eine famose Komödie im Nestroy-Vintage-Stil: Regisseur Helmut Wiesner und sein Ensemble müssen historische Szenenbilder mit Nestroys figürlichen wie mimetischen Gepflogenheiten genau studiert haben.

Nestroy'scher Expressionismus

Insbesondere hat sich Miguel Herz-Kestranek als Herr von Ledig den Nestroy'schen Expressionismus vorzüglich zu eigen gemacht. Unter einem Nachthimmel auf der Guckkastenbühne im Theatersaal Reichenau (Bühne: Peter Loidolt) biegt er seinen Körper in aufsehenerregende Kipplagen, streckt den vom Kordelknoten seines Schlafrocks gekrönten Bauch weit seinen Gegnern entgegen, sticht mit dem Parapluie giftige Löcher in die Luft, erhebt sich zu seinen ihm geschmeidig entweichenden Witzsätzen auf die Zehen oder führt die spitzen Knie seiner Storchenbeine ins Gefecht mit seinen Widersachern, den vermeintlichen Erziehungsberechtigten.

Diese haben ihren Nahkampf-Nestroy ebenso gelernt: Toni Slama als geheimniskrämender, körpermittig oft vornüberkippender Fabrikant; an seiner Seite setzt Therese Affolter ihren Wackelhaarschmuck gezielt in Bewegung. Und Nicolaus Hagg interpretiert den um die Ehre seiner Schwester besorgten Modewarenhändler Falk mit Hans-Moser'scher Kurzatmigkeit. Das alles fügt sich zu einem Schauspiel, das den Nöten und Ängsten aller Beteiligten unablässig ins Auge blickt (nicht zuletzt jenen des Publikums).

Pathosschweres Spiel

Weniger geglückt verlief hingegen die Uraufführung "1914 - Zwei Wege in den Untergang" tags zuvor. Das Stück zum Weltkriegsgedenken, ein Auftrag der Festspiele an den in Reichenau vielbeschäftigten Nicolaus Hagg, blieb in der Regie Michael Gampes eine bleierne Sprechübung entfesselter Kriegstreiber, die ihre Beweggründe in nichts als martialischen Gesten zum Ausdruck bringen.

Wie einem Luftdruckkochtopf entsteigen sie jeweils dem Bühnenhintergrund im Neuen Spielraum: Marcello de Nardo als Attentatsdrahtzieher Apis und Tobias Voigt als dessen Adjutant bohren ihre Stiefelkanten dann bedeutungsschwer in den Holzboden, schwingen gebieterisch ihre Soldatenmäntel, lassen Pistolen knacken. Stefan Gorski als Gavrilo Princip aber gelingt neben seinen Mitstreitern Cabrinovic und Illic (Florian Graf, Alexander Hoffelner)in diesem pathosschweren Spiel eine differenzierte Figur.

Haggs Stück macht es zwar nicht leicht, war aber den Versuch wert: Es zeichnet in gut recherchierter, fiktionalisierter Form die Wochen vor dem Attentat auf den Thronfolger an den Schauplätzen in Serbien und Österreich präzise nach; wobei löblicherweise die serbische Perspektive besonders präzise herausgearbeitet wird. Gampe stellt die Geschehnisse nach - das hat dann mehr Geschichtsunterricht als Theater zur Folge.  (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 7.7.2014)

"Unverhofft" bis 4. 8.

"1914" bis 2. 8.

www.festspiele-reichenau.com

  • Miguel Herz-Kestranek als Herr von Ledig.
    foto: apa/robert jäger

    Miguel Herz-Kestranek als Herr von Ledig.


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