Dänemark: Mit dem fünfjährigen Sohn im Gefängnis

7. Juli 2014, 19:15
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Das Kopenhagener Familiengefängnis Engelsborg, in dem Straftäter mit Familien leben, kommt ohne schwere Schlösser aus. Die Täter werden erfolgreicher resozialisiert als in anderen Haftanstalten - ein Besuch.

Kopenhagen - Als Morten im Sommer 2006 in sein neues Gefängnis zieht, überwältigt ihn ein Gefühl von Freiheit. Sein Zimmer ist zweieinhalb Mal so groß wie die Gefängniszelle, in der er fast fünf Jahre seines Lebens verbracht hat. Er hofft, dass dies der Beginn eines Lebens wird, von dem er nicht mehr zu träumen gewagt hatte.

Dieser Abend ist sieben Jahre her. Heute lebt Morten, 33, mit seinem Sohn Victor, fünf, schon zum zweiten Mal im Familiengefängnis Engelsborg, einer europaweit einzigartigen Einrichtung. Bis zu fünf dänische Straftäter können dort mit Kindern und Partnern das letzte Haftjahr verbüßen.

Statt Zellen gibt es kleine Wohnungen, statt Fenstergittern und Türschlössern feste Zeiten, zu denen die Familien zu Hause sein müssen. Hält ein Straftäter sich nicht daran, muss er zurück in "normale" Haft. Statt Wärtern arbeiten hier Therapeuten. Die Partner der Straftäter fahren in der Früh ins Büro. Die Kinder gehen zur Schule. Die Rückfallquote von Straftätern in Dänemark liegt bei 30 Prozent - in Engelsborg beträgt sie nur acht Prozent.

Großvater saß 20 Jahre ein

Morten, kurze blondierte Haare und Ringe so groß wie Fünf-Cent-Stücke in den Ohrlöchern, fläzt sich auf einem Sofa des Therapieraums, als er seine Geschichte erzählt. Seit er denken kann, hat er Verwandte im Gefängnis besucht. Sein Opa saß mehr als 20 Jahre ein. Wegen Diebstahls, Körperverletzung, Betrugs und Raubs. Morten sagt: "Er war mein Vorbild."

Mortens Vater strangulierte seine eigene Mutter. Zwölf Jahre kam er in Haft. Morten sagt: "Sie hatte Krebs. Sie wollte es so" Seine sechs Onkel und seine beiden jüngeren Brüder sind immer wieder im Knast. Wegen Drogen, Raubs, Körperverletzung und Steuerhinterziehung. Experten sprechen in Mortens Fall von transgenerationaler Straffälligkeit: Seit drei Generationen sind alle Männer in seiner Familie kriminell.

Schokolade ist erste Beute

Morten ist acht Jahre alt, als er zum ersten Mal gegen ein Gesetz verstößt. Er weiß, dass sein Vater stolz auf ihn sein wird, wenn er es schafft, die Tafel Schokolade aus dem Geschäft zu schmuggeln. Damals ertappt ihn seine Mutter und zwingt ihn, sie zurückzubringen. Später klaut er Fernseher, knackt Autos, prügelt sich. Ohne Gras übersteht Morten keinen Tag. Um an Geld zu kommen, verkauft er selbst Drogen.

"Eines Tages", sagt Morten, "waren alle um mich herum kriminell." Nach der Schule heuert Morten als Soldat bei der Armee an. Er bricht die Ausbildung ab und gerät in einen Strudel aus U-Haft und Gefängnisstrafen. Viermal sitzt er ein, insgesamt vier Jahre und acht Monate.

Scheinfirma für Millionen

Kriminelle Seilschaften und ein Wunsch, der ihn nicht loslässt, reißen ihn immer wieder mit: Eines Tages will er Millionär sein. Mit seinen Brüdern baut er eine Scheinfirma auf. Sie verkaufen Dienstleistungen, die es nicht gibt, und hinterziehen mehr als fünf Millionen dänische Kronen. Er wird zum Spielball seiner Raffgier. Wie ein Zuschauer steht er am Spielfeldrand seines eigenen Lebens. Und dann ist da noch ein Funken Hoffnung, dass dieses Mal alles gutgehen könnte.

An einem Juninachmittag 2005 erlischt diese Hoffnung. 20 bewaffnete Polizisten stürmen in Mortens Haus, zerren ihn und seine Kumpanen von den Sofas. Morten kommt in U-Haft. Zwei Wochen später bringt seine Freundin Lina Victor zur Welt. Zwei Stunden darf Morten das Gefängnis zur Geburt verlassen. Als die Zellentür danach ins Schloss fällt, hämmern zwei Worte gegen seine Schläfen: Nie wieder!

Ein zweites Mal Engelsborg

Eine Sozialarbeiterin erzählt ihm von Engelsborg. Vier Monate später zieht Morten ein. Am Anfang lebt auch Lina dort. Nach drei Monaten trennt sie sich von Morten. Mortens Verfahren wird wegen neuer Beweise neu aufgerollt, und Morten muss noch einmal ein Jahr in Haft. Er darf die Strafe mit Victor in Engelsborg absitzen. Die Plätze sind begehrt. Fünf Jahre muss er warten, bis die Nachricht kommt, dass er dort einziehen kann. In der Zwischenzeit hat sein Leben Pause. Morten wird nicht wieder straffällig. Eine Ausbildung kann er nicht anfangen, weil jederzeit ein Anruf aus Engelsborg kommen kann.

Dort erlebt Morten zum ersten Mal einen Alltag. Um sechs Uhr früh weckt er Victor. Nach dem Frühstück fährt er ihn in den Kindergarten. Zurück in Engelsborg, macht er die Betten, staubsaugt, geht einkaufen und kocht. Eineinhalb Stunden darf jeder Straftäter das Haus am Nachmittag verlassen. Abends spielen Morten und Victor mit Plastiksauriern, oder Victor kickt im Garten. Jeden Freitag hat Morten eine Sitzung mit der Familientherapeutin.

Details erfährt der Sohn erst später

Victor weiß, dass er in Engelsborg wohnt, weil sein Vater etwas falsch gemacht hat. Genaueres will Morten ihm erklären, wenn er alt genug ist. Für die Zukunft hat Morten einen Wunsch: Victor soll der erste nichtkriminelle Mann seiner Familie werden. (Calalina, Schröder, DER STANDARD, 7.7.2014)

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