Die orange Belagerung costa-ricanischer Chirurgen

Analyse6. Juli 2014, 15:24
63 Postings

Wie die Niederländer daran scheiterten, die akribische Defensivarbeit der Ticos zu durchdringen

Grafik im Vollbildmodus

fasresearch

Die Strukturanalyse dokumentiert das komplementäre Geschehen auf dem Rasen. Auf der einen Seite dominante Niederländer, die eine ringförmige Belagerung um den gegnerischen Strafraum errichteten. Auf costa-ricanischer Seite wiederum eine fast schon an ein Synchronschwimmballett gemahnende Choreografie der Undurchdringlichkeit, die jeden noch so energischen Angriffsimpuls mit chirurgischer Akribie entfernte.

Die Niederlande bestimmten die Partie, ohne sie jemals wirklich zu beherrschen, was sich im Netzwerk in ausgeprägten Defensivbeziehungen niederschlug. Der Spielaufbau lief über eine aus dem Zentrum spiralförmig nach außen zirkulierende Beziehungsstruktur, die wenig überraschend meist in das Dreieck Kuyt-Robben-Van Persie mündete. Auffällig Robben-fixiert agierten auch die zentralen Mittelfeldakteure Sneijder und Wijnaldum. Robben zog konsequenterweise den Löwenanteil im Zweikampfaufwand auf sich, verhedderte sich allerdings bei seinen berserkerhaften Dribblings oft in den ihn bedrängenden Verteidigerreihen.

So konzentriert die Mittelamerikaner sich in der Defensive präsentierten, so sehr mangelte es ihnen an Mut und Präzision in den Kontern. Geradezu eklatant ersichtlich wird dieses Manko an den beiden zentralen Mittelfeldspielern Borges und Tejeda, die zwar unermüdlich "gegen den Ball" paradierten, mit dem Ball jedoch selten in Berührung kamen.

Der vor ihnen stationierte Ruiz fungierte ansatzweise als Drehscheibe, hing aber in seinem Bemühen um spielerische Formgebung meist in der Luft. Teils lag dies an den frühen Störmanövern durch die hoch aufgerückte niederländische Dreierkette, teils schlicht an der fehlenden Ruhe und Koordination bei Ballbesitz.

Weder der antrittsschnelle und wendige Bolanos noch der bislang so wuchtig-giftig agierende Campbell konnten die spärlich sich auftuenden Räume mit Gefahr füllen. Mit Fortdauer der Partie navigierten die Ticos immer offensichtlicher Richtung Elferschießen, das mit einem bösen Erwachen in Gestalt des gelinde ausgedrückt verhaltensoriginellen niederländischen Torhüters Krul endete. (Helmut Neundlinger/Umsetzung für derStandard.at: Florian Gossy und Markus Hametner - 6.7.2014)

DIE ANALYTIKER: FASresearch mit Sitz in Wien und Brüssel war bei den Weltmeisterschaften 2006 und 2010 sowie bei der EM 2008 und 2012 im Einsatz und beobachtet exklusiv für den Standard auch Österreichs Qualifikationsspiele. Team: Ruth Pfosser, Helmut Neundlinger, Wolfgang Streibl, Harald Katzmair, Agnes Chorherr und Andreas Scheicher.

Update (7.7.2014): in einer früheren Version der Grafik war Krul (in der letzten Minute für Cillessen eingewechselt) in der falschen Spielhälfte verortet - diesen Fehler haben wir behoben.

Share if you care.