Österreichs Banken: Krugman hatte recht

Blog6. Juli 2014, 08:13
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Auch wenn die Erste ihre Verluste im Osten verdauen kann – das Risiko für die Republik war viel zu groß

Im April 2009 war Paul Krugman der meist gehasste Mann in Österreich. Bei einer Veranstaltung in New York hatte der frisch gebackene Wirtschaftsnobelpreisträger vor einer Staatspleite wegen des Ostgeschäfts der heimischen Banken gewarnt. "Island und Irland geht es ziemlich schlecht, Österreich könnte sich dieser Liga als drittes Land anschließen", wurde Krugman damals zitiert.

Von Werner Faymann abwärts empörte sich damals alles, was in Österreichs Politik und Finanzen Rang und Namen hatte, über die Aussagen des Princeton-Professors und New-York-Times-Kolumnisten. Manche Banker munkelten über eine gezielte Kampagne des US-Finanzsektors gegen die in Osteuropa zu erfolgreichen heimischen Konkurrenten.

Diese These basierte auf der etwas gewagten Annahme, dass sich der Wall-Street-Kritiker Krugman von den Großbanken kaufen ließ, um über öffentliche Falschaussagen ihr zu mehr Profit zu verhelfen.

Wie Krugman in seinem Blog bald darauf ausführte, sah er Österreich weniger gefährdet wie Island und Irland. Wegen des für die Kleinheit des Landes viel zu große Engagement seiner Banken in einer volatilen Region „könnte Österreich eine Bankenrettung benötigen, die die Staatsfinanzen ernsthaft belasten würde.“

Das Schlimmste ist nicht eingetreten

Fünf Jahre später klingen Krugmans Worte fast schon prophetisch. Sicher, das schlimmste Szenario ist nicht eingetreten: Raiffeisen und Erste Group dürften in Osteuropa mit einem blauen Auge – wenn auch mit einem schmerzhaften – davonkommen. Aber schon der Kollaps der zwei kleineren Spieler im Osten und Südosten – der Volksbanken (ÖVAG) und der Hypo Alpe Adria – hat Österreichs finanzielle und politischen Kräfte überstrapaziert.

Und wie knapp die beiden Großen in der Zeit nach dem Lehman-Kollaps im September 2008 an einer echten Krise vorgeschrammt sind, lässt sich daran erkennen, dass die Erste Group auch nach sechs Jahren die bilanziellen Trümmer immer noch nicht weggeräumt hat.

Ein Sturm weit ärger als die Hypo

Hätte sich die Wirtschaftslage im Osten in den Jahren damals noch weiter verschlimmert; hätte es etwa auch das wichtige Tschechien erwischt, das zum Glück für alle gut durch die Krise gekommen ist; wären die lokalen Währungen weiter gefallen, sodass noch mehr Fremdwährungskredite nicht mehr rückzahlbar geworden wären – dann wäre Österreich in einen Sturm geraten, der die Hypo-Turbulenzen wie ein Lüfterl aussehen ließe.

Rückblickend muss man sagen: Österreichs Banken sind seit durch ihre rasante Expansion in Mittel- und Osteuropa seit den späten neunziger Jahren ein für Österreich zu großes Risiko eingegangen.

Da es keine EU-Bankenunion gab und noch lange nicht geben wird, hätte die Republik allein die Großbanken auffangen müssen, wenn etwas ernsthaft schiefgegangen wäre. Und wie leicht das hätte passieren können, lässt sich bei der Hypo in Südosteuropa gut beobachten.

Kredite sind lokal refinanziert

Es stimmt, dass Erste, Raiffeisen und Bank Austria viel besser gemanagt waren als die Kärntner Chaotenbank. Und ein Großteil der Kreditvergaben der Osttöchter werden durch lokale Guthaben refinanziert; Ausfälle fallen dadurch nicht alle auf die Mütter durch.

Aber auch das schützt den Eigentümer nur zum Teil. Und bei einem Kreditvolumen in der Region, das 60 Prozent des österreichischen BIP übersteigt, hätte auch nur ein Teildesaster das heimische Budget explodieren lassen.

Auch ein halbes Irland zu sein wäre schlimm gewesen.

Vernunft über Bord geworfen

Wie konnte es so weit kommen? Die Banker hatten ja eine im Grunde vernünftige Strategie verfolgt. Aber sie - und hier vor allem Erste-Chef Andreas Treichl bei der BCR in Rumänien - haben die Risiken von Zukauf zu Zukauf immer weniger beachtet. Dahinter stand nicht nur die Euphorie der Pre-Lehman-Jahre, die auch Banken andere Länder jede Vorsicht über Bord werfen ließ.

Die Bankchefs waren sich auch gewiss, dass im schlimmsten Fall weder der Raiffeisen-Sektor noch die Sparkassen trotz aufrechter Haftungsverbunde ihre Spitzeninstitute auffangen werden müssen, sondern der Staat – und damit der Steuerzahler. Das war ein klassisches Moral Hazard.

Für die Banken und ihre Aktionäre ist die Rechnung wahrscheinlich aufgegangen. Sie haben im Osten in den Jahren zuvor genug verdient, um die jetzigen Verluste verdauen zu können.

Zu wenig Nutzen für das Land

Aber der Rest des Landes hat von dem guten Geschäft der Banken weitaus weniger profitiert. Der Nutzen für den Standort und die Fiskus stand in keinem Verhältnis zum Risiko, durch eine Verkettung schlechter Ereignisse zum Eurokrisenstaat zu werden.

Aber kaum jemand hat die Strategie der Banken damals ernsthaft hinterfragt. Eine einflussreiche Finanzelite hat Politiker und Wähler für ihre eigenen Zwecke instrumentalisiert. Und als Krugman das Offensichtliche aussprach, wurde er wüst beschimpft.

Österreich hat wahrscheinlich noch einmal Glück gehabt. Aber eine weitsichtige politische Führung hätte verhindert, dass es überhaupt in diese Lage kommt. (Eric Frey, derStandard.at, 6.7.2014)

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